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Der Weg in die vegane Gesellschaft

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  • Veganer und Nicht-Veganer

    Die Stellungnahme der DGE zu veganer Kinderernährung


    [Für Quellen und Fußnoten Eintrag vollständig anzeigen lassen]


    Die ÖGE und ihre deutsche Schwesterngesellschaft [die DGE] halten eine rein vegane Ernährung in der Schwangerschaft und Stillzeit sowie im gesamten Kindes- und Jugendalter hingegen für nicht geeignet, um eine adäquate Nährstoffversorgung und die Gesundheit des Kindes sicherzustellen. Eine ausreichende Nährstoffversorgung in der Schwangerschaft sei bei einer rein veganen Ernährung auch bei sorgfältiger Lebensmittelauswahl nicht möglich.
    (Der Standard, 26.04.2012)

    [Frage:] Wer sollte sich auf keinen Fall vegan ernähren? [Antwort:] Kinder. Sie brauchen eine ausgewogene Ernährung, um gesund aufzuwachsen. Die Zellmasse muss bei Kleinkindern erst aufgebaut werden, dafür sind tierische Stoffe notwendig.
    (Frankfurter Rundschau, 04.05.2012)

    Von veganer Kost, bei der auf tierische Produkte wie Eier und Milchprodukte verzichtet wird, rät [Antje] Gahl [von der DGE] hingegen ab: „Bei veganer Ernährung besteht für Kinder die Gefahr einer Unterversorgung mit wichtigen Nährstoffen.“ Vegetarisch ja, vegan nein: So sieht es auch die Ernährungswissenschaftlerin Alexandra Borchard-Becker von der Verbraucher Initiative.
    (Volksstimme, 18.04.2012)

    Patienten mit erhöhtem Nährstoffbedarf, Säuglingen und Kleinkindern, Heranwachsenden, Senioren, Schwangeren und Stillenden ist von einer rein pflanzlichen Kost abzuraten.
    (UGB-Forum Spezial 2007, 11)

    Entscheiden Eltern oder Kinder sich für eine ausgewogene und abwechslungsreiche ovo-lacto-vegetarische Ernährung – ohne Fleisch und Fisch, aber mit Eiern und Milchprodukten – so kann diese als Dauerkost empfohlen werden. Ernähren sich Kinder und Jugendliche rein pflanzlich, in dem sie komplett auf tierische Lebensmittel – bis hin zu Honig – verzichten, werden sie als Veganer bezeichnet. Eine vegane Ernährung hält die DGE im gesamten Kindesalter für ungeeignet.
    (DGE-Pressemitteilung, 2011)


    Vegane Kinderernährung ist nicht möglich. Darin sind sich die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) und als Vertreterin der Ernährungswissenschaft wie auch esoterische Ernährungsexperten wie Raya Gericke (im obigen Zitat der Frankfurter Rundschau), die eine „Ausbildung in chinesischer Diagnose und Ernährungslehre absolviert“ (Keilbach 2012) hat, einig. Den noch glaubhaftesten Nachweis dafür hat die DGE erarbeitet, wie in einer Pressemitteilung des letzten Jahres verbreitet wurde (daraus das letzte obige Zitat). In dieser „ausführliche[n] Fachinformation“ (DGE-Pressemitteilung 2011) mit dem Titel „Vegane Ernährung: Nährstoffversorgung und Gesundheitsrisiken im Säuglings- und Kindesalter“1 und ihren insgesamt 54 wissenschaftlichen Quellen sollen diese Behauptungen nachgewiesen werden. Dieser Text (im Folgenden: das DGE-Positionspapier) besteht aus einer Einleitung sowie einem Fazit und diskutiert im Hauptteil (neben einem kurzen allgemeinen Abschnitt) die Nährstoffe: Energie/Protein, Eisen, Calcium, Jod, Zink, Vitamin B12, Vitamin D und Omega-3-Fettsäuren. In dieser kritischen Auseinandersetzung überprüfe ich, welche Behauptungen richtig und vor allem fundiert sind, und welche nicht.


    Was ist vegane Ernährung?

    Das Kernproblem des DGE-Positionspapiers ist so trivial wie folgenreich: Die DGE weiß nicht, was vegane Ernährung ist. Ich lasse beiseite, dass mehrmals von „rein pflanzlicher“ Ernährung die Rede ist (u.a. im ersten Satz) und es keine Ernährungsform gibt, die auf anorganische (und damit nicht-pflanzliche) Stoffe wie Wasser oder Mineralien wie Salz verzichten kann. Viel wesentlich ist, dass viele Quellen, auf die sich das DGE-Positionspapiers stützt – das, zur Erinnerung, unter dem Titel „Vegane Ernährung“ steht –, keine Veganer zum Untersuchungsgegenstand haben.

    Die größte Gruppe davon bilden die Untersuchungen, die sich (ausdrücklich) mit der makrobiotischen statt veganer Ernährung befassen, wie meist schon aus dem Titel oder spätestens aus dem Abstract ersichtlich ist: Dagnelie et al. 1989, Dagnelie et al. 1990, Dagnelie/Staveren 1994, Dagnelie et al. 1994, Parsons et al. 1997, Dusseldorp et al. 1996, Dwyer et al. 1979, Dwyer et al. 1982, Dagnelie et al. 1991 und Specker et al. 1990. Die DGE schreibt, dass Makrobiotik eine Ausprägung unter der „Vielzahl von Ausprägungen der veganen Ernährung“ sei. Sie sieht sich jedoch genötigt, anschließend zu ergänzen: „je nach Ausgestaltung des makriobiotischen Prinzips“ kann die Ernährung „in begrenztem Maße Fisch [enthalten] (womit die Ernährungsweise im eigentlichen Sinne nicht mehr vegan ist)“.2 Makrobiotik ist also eine nicht-vegane Ausprägung der veganen Ernährung. Vom Falschen zum Widersprüchlichen.
    Doch die DGE lässt sich davon nicht irritieren. Weitere vier Ernährungsformen, die in den verwendeten Quellen behandelt werden und die das DGE-Positionspapier durch seine Verwendung der „veganen Ernährung“ unterordnet, sind:

    1) Die Ernährungslehre „I-Tal“ der Rastafarier-Religion; betrifft die Quelle James et al. 1985. Diese Ernährungslehre enthält unter anderem den Konsum von Fischen (wenn sie eine religiös vorgeschriebene Länge nicht überschreiten). Ich zitiere zum Vergleich den Duden: Veganismus ist die „ethisch motivierte Ablehnung jeglicher Nutzung von […] tierischen Produkten“. Das Fleisch von Fischen ist ein Tierprodukt; eine religiöse Ernährungsform ist religiös motiviert, nicht ethisch.

    2) Die Ernährungsweise der Religion der Schwarzen Hebräer; betrifft Zmora et al. 1979 und Shinwell/Gorodischer 1982. Die Schwarzen Hebräer sind eine jüdische Sekte, die ihre Ernährung nach ihrer Interpretation der Bibel ausrichtet. Ich zitiere den Duden: Veganismus ist die „ethisch motivierte Ablehnung jeglicher Nutzung von […] tierischen Produkten“. Eine religiöse Ernährungsform ist religiös motiviert, nicht ethisch.

    3) Alles Mögliche, nur keine vegane Ernährung; betrifft Jacobs und Dwyer 1988, Dwyer et al. 1983, Sanders/Reddy 1994, Acosta 1988, Kirby/Danner 2009 und Krull/Ohlendorf 1993. Bei Jacobs/Dwyer 1988 werden neben echten Veganern unter „vegan-artige Ernährungsformen“ u.a. auch Makrobiotiker, Rastafarier, Schwarze Hebräer und Frutarier subsumiert. In ihren Tabellen geben sie drei Fälle eines Nährstoffmangels (zweimal Vitamin D, einmal Eisen) bei „veganen“ Kindern an. Die Überprüfung zeigt: Beim einen Fall für Vitamin-D-Mangel kommentieren Jacobs/Dwyer selbst, dass es wahrscheinlich Rastafarier sind (ebd., 815); beim zweiten Fall kann man bereits im Abstract der betreffenden Studie (das ist: Hellebostad et al. 1985) lesen, dass es sich um vegetarische Kinder handelt, da sie u.a. mit Kuhmilch ernährt wurden; und in Bezug auf Eisenmangel geben Jacobs/Dwyer mit Verweis auf eine andere Studie an, er sei bei „einem von vier“ veganen Kindern möglich (ebd., 814), geht man dieser Studie nach (d.i. Roberts et al. 1979), stellt sich heraus, dass dieser eine von vier Fällen ein ausschließlich mit eingeschränkter Rohkost ernährtes Kind betraf (die anderen drei Fälle sind übrigens Makrobiotiker). Eingeschränkte Rohkost kann Tierprodukte ausschließen, wird damit jedoch nicht zu einer veganen Ernährung. – Dwyer et al. 1983 vergleicht Makrobiotiker mit Vegetariern und Omnivoren. Was man daraus für Veganer, die nicht explizit vorkommen, schließen soll, bleibt rätselhaft. Man könnte vermuten, dass ein Teil der hier als Vegetarier Bezeichneten Veganer sind, aber ohne Abgrenzung nützt diese Information wenig. – Sanders/Reddy 1994 diskutieren Untersuchungen von u.a. (vegetarischen, nicht veganen) Hindus, sowie Makrobiotikern und Siebten-Tags-Adventisten. Dass auch eindeutig vegane Kinder unter den untersuchten Personen (bei den als Vegetarier Bezeichneten) gewesen wären, lässt sich nicht ausmachen. – Acosta 1988 stützt sich ebenfalls tlw. auf Quellen, die von Makrobiotikern und Anthroposophen handeln. Ob manche der Untersuchungen tatsächliche Veganer behandeln, lässt sich nicht ausmachen. Da Acosta jedoch u.a. die Auswirkung von Honig auf die Aufnahme von Aminosäuren diskutiert, scheint das unwahrscheinlich. – Kirby/Danner 2009 (an einer Stelle im DGE-Positionspapier steht fehlerhaft „Kirby und Danner 2010“) ist auch nur ein theoretischer Text, der Schlussfolgerungen aus zitierten Untersuchungen zieht. Für das kurze Stück, in dem Veganismus bei der Besprechung von Vegetarismus gelegentlich erwähnt wird (ebd., 1092–1094), sind das: Sanders/Reddy 1994 (s.o.); eine Quelle von 1980, bei der in Titel oder Abstract kein Bezug zu Veganismus besteht; einem Fall eines B12-Mangels bei einem gestillten Säugling einer „veganen“ Mutter (Weiss et al. 2004), die in den letzten Jahren „fast“ (ebd., 270) keine Tierprodukte konsumierte habe, sprich: nicht vegan war; sowie allgemeinen Quellen. Im DGE-Positionspapier wird also eine Quelle zur Unzulänglichkeit der veganen Ernährung herangezogen, die sich selbst auf keine einzige Untersuchung, die mit veganen Probanden durchgeführt wurde, stützen kann. Das ist nur einer von vielen Fällen der Vererbung (und nebenbei Verwischung) von fehlerhaften Methoden. – Krull/Ohlendorf 1993 geben einen Fallbericht von zwei Kleinkindern, die aufgrund von Neurodermitis mit einer „vegetarischen Diät“ ernährt wurden. Die Beschreibung lässt zwar die Möglichkeit zu, dass hier tatsächlich alle tierlichen Produkte vermieden wurden, jedoch sind die Werte von mehreren Nährstoffen der Blutuntersuchung untypisch für eine vegane Ernährung (ebd., 482). (Dass diese Befunde außerdem mit mehreren anderen Aussagen des DGE-Positionspapiers im Widerspruch stehen, wurde von den Autoren der DGE wohl übersehen.)

    Immer mal ein Ei zu essen ist bei der DGE nicht unvegan.
    Immer mal ein Ei zu essen ist bei der DGE nicht unvegan.
    4) Und schließlich omnivore oder vegetarische Ernährung. Quellen, deren untersuchte Personen wegen des Konsums von Tierprodukt durch Kind und/oder Eltern nicht vegan waren; betrifft Massa et al. 2001, Kanaka et al. 1992, Wagnon et al. 2005 und Schlapbach et al. 2007. Bei Massa et al. 2001 waren sowohl Kind, als auch Eltern nicht vegan. Der Reis-Milch (die dem Kind auf Empfehlung eines Homöopathen (!) gegeben wurde) wurde eine Ergänzung auf Kuhmilchbasis beigemengt. – Bei Kanaka et al. 1992 hat die Mutter dem Kind erst Pränahrung auf Kuhmilchbasis gegeben und dann eine Mischung aus Wasser und Mandelmilch (nicht etwa vegane Pränahrung auf Sojabasis, wie Veganer das tun würden). – Bei Wagnon et al. 2005 haben die Probanden laut Bericht einmal pro Woche eine Mahlzeit gegessen, die „Ei oder Fisch“ (ebd., 610) enthielt. Ich zitiere erneut den Duden: Veganismus ist die „ethisch motivierte Ablehnung jeglicher Nutzung von […] tierischen Produkten“. Kuhmilch, Eier und Fische sind ein Tierprodukte. – Bei Schlapbach et al. 2007 ernährte sich die Mutter „weitgehend [!] veganisch [sic]“ (ebd., 1309), konsumierte also ebenfalls irgendwelche nicht-veganen Produkte.


    Was ist vegane Ernährung nicht?

    Die Autoren der DGE und alle anderen Ernährungswissenschaftler, die diese Methoden praktizieren, würden bei zumindest einigen Fällen dagegenhalten, der Grund für die Vermeidung von Tierprodukten (ob religiös motiviert oder ethisch) bzw. der Tierproduktkonsum in geringfügigen Ausmaßen mache aus ernährungsphysiologischer Sicht keinen bedeutenden Unterschied. Daher seien auch diese Quellen für Rückschlüsse auf vegane Ernährung zulässig.
    Das ist aus zwei Gründen fragwürdig. Zum einen sollen gerade Ernährungswissenschaftler wissen, wie schwer sich einzelne Faktoren der Ernährung isolieren lassen. Bei all den oben genannten Fällen ist Menge und Zusammensetzung der nicht-veganen Anteile an der Ernährung meist gänzlich unklar. Welche Beobachtungen dann auf welche Faktoren der veganen und auf welche der unveganen Anteile zurückgehen, bleibt meist nur Spekulation.
    Zum anderen weisen diese nicht-veganen Ernährungsformen und Ernährungslehren, die auch gerne unter „alternative Ernährungsformen“ oder „neuer Vegetarismus“ zusammengefasst werden, deutliche Unterschiede in der Lebensmittelauswahl und dem Umgang mit Erkrankungen und Risikofaktoren auf.3 So lehnt die am häufigsten zitierte Makrobiotik tlw. außerdem Kartoffeln, Tomaten, importierte Obst- und Gemüsesorten, Früchte und Zucker ab (Grüttner 1991, 450; Kirby/Danner 2009, 1094) und den auch gerne zu Veganern erklärten Rohköstlern fehlen für die Eiweißversorgung wichtige Hülsenfrüchte um nur zwei Beispiele zu nennen. Durch solche aus Sicht der veganen Ernährung unnötigen Einschränkungen von wichtigen pflanzlichen Nahrungsmitteln kommt es viel eher als bei tatsächlichem Veganismus zu den kritisieren Engpässen bei der Versorgung mit einzelnen Nährstoffen. So haben die Schwarzen Hebräer Säuglinge, wenn sie nicht gestillt wurden bzw. danach, mit „Sojamilch“ ernährt. Nicht etwa veganer Pränahrung auf Sojabasis, sondern tatsächlich einer Mischung aus Sojamehl und Zucker (Shinwell/Gorodischer 1982, 582; sehr ähnlich Zmora et al. 1979, 141). Wie die Ernährung mit Mandelmilch bei Kanaka et al. 1992 muss das selbstverständlich diverse Nährstoffmangel nach sich ziehen. Nur würde kein (tatsächlicher) Veganer auf solch eine absurde Idee kommen, sondern auf die verfügbaren veganen Pränahrungen nutzen.
    Genauso weitreichend ist die häufige Ablehnung der Einnahme von Supplementen, die „chemisch“ und daher „unnatürlich“ sind, sowie die Ablehnung medizinischer Betreuung (beispielsweise Zmora et al. 1979, 143; oder Wagnon et al. 2005, 611; oder Grüttner 1991, 450). Wenn man bei Vermeidung von Tierprodukten Vitamin-B12-Supplemente ablehnt (wie die Schwarzen Hebräer in Zmora et al. 1979, 141), kommt es selbstverständlich zu einem Mangel, während Veganer keinerlei Probleme damit haben auf Supplemente zurückzugreifen.
    Ich sehe mich genötigt, das Offensichtliche festzuhalten: nur vegane Ernährung ist vegan. Wäre das DGE-Positionspapier unter einem Titel wie „Ernährungsformen mit teilweisem oder gänzlichem Abschluss von tierlichen Produkten“ erschienen und wären darin die einzelnen Ernährungsformen einzeln behandelt worden, wäre es nur noch irreführend gewesen. In der vorliegenden Form ist es verfälschend.

    Was übrig bleibt

    Ich komme zurück zur Frage, was diese Quellenlage für die wissenschaftliche Qualität des DGE-Positionspapiers bedeutet. Wenn man von den 54 Quellenangaben die abzieht, die allgemeine Aussagen machen (z.B. Vitaminlexika, Empfehlungen zu Tagesdosen, allgemeine Untersuchungen von Nährstoffverhalten), sowie die, die Zusammenfassungen ohne Bezug auf Studien von Veganern bieten,4 und die zusammenzählt, die konkrete Ernährungsweisen untersuchen, bleiben von 54 Quellen noch 40 übrig. Davon beträgt die Anzahl der Quellen, die nach obigen Feststellungen nicht für die Bewertung von veganer Ernährung herangezogen werden können, 23 (alle im ersten Abschnitt genannten). Das heißt mehr als 57 % der Studien betreffen keine Veganer (die tatsächliche Anzahl dürfte noch höher liegen). Wäre die zu untersuchende Probe eines Chemikers zu 57 % mit Urin verunreinigt, erhielte er nicht nur falsche Ergebnisse, er würde sich wissenschaftlich auf Äußerste blamieren. In der Ernährungswissenschaft scheint das gleiche Vorgehen kaum Bedenken zu bereiten.
    Zwar wird im Positionspapier an ein paar Stellen explizit von „makrobiotischen“ bzw. „makrobiotisch ernährten“ Kindern gesprochen. Aber dies geschieht zum einen nicht an allen Stellen, an denen Quellen benutzt werden, die Makrobiotiker statt Veganer behandeln, und zum anderen fehlt eine solche Differenzierung bei den anderen Quellen, deren untersuchte Probanden ebenfalls nicht-veganer Ernährungsformen folgen. Und zur Wiederholung: Das alles läuft unter der Überschrift „Vegane Ernährung“. Nicht etwa „Vegane Ernährung zum Großteil bewertet anhand von Nicht-Veganern“.
    Dazu kommt die Problematik der Aktualität der Quellen, die im DGE-Positionspapier benutzt werden. Im Positionspapier der ADA, das der DGE vorlag und das auch hier zitiert wurde, wird ausdrücklich auf die Problematik alter Untersuchungen hingewiesen (ADA 2009, 1267). Anhand dieser ließen sich nur sehr bedingt Aussagen über heutige Verhältnisse treffen. In den letzten 23 Jahren hat sich einiges an der veganen Ernährung verbessert. Z.B. was die Proteinzufuhr durch wesentlich bessere Verfügbarkeit von Soja- und Seitanprodukten betrifft, als auch die Verringerung von hemmenden Inhaltsstoffen (bspw. Phytaten) durch bessere Produktverarbeitung. Bei der ADA stammen von insgesamt 204 Quellen stammen nur zwei aus den 1970er Jahren (beide allgemein, keine bestimmte Ernährungsform betreffend) und elf aus den 1980er Jahren (wovon fünf allgemein sind und keine bestimmte Ernährungsform betreffen). Bei der DGE stammen von insgesamt 54 Quellen zwei aus den 1970er, acht aus den 1980er Jahren. Während bei der ADA also nur 6,3 % der Quellen aus der Zeit vor 1990 stammen, sind es bei der DGE mit 18,5 % fast drei Mal so viele.
    Ein weiterer Punkt: es fehlen deutliche Hinweise auf positive gesundheitliche Auswirkungen veganer Ernährung. Da Veganismus ethisch motiviert ist, ist das für Veganer selbst zwar kein Kriterium. Aus ernährungswissenschaftlicher Sicht jedoch gehören der Vollständigkeit halber zumindest Lippenbekenntnisse über die gesundheitlichen Vorteile zu einer Bewertung. Zu diesen Vorteilen gehören beispielsweise die geringeren Risiken, an weit verbreiteten Krankheiten wie Diabetes mellitus Typ 2, Bluthochdruck, ischämischen Herzkrankheiten, Prostata-, Dickdarm-, Magen-, Blasen- und Ovarialkrebs zu erkranken. Oder die bessere Versorgung mit Nährstoffen, mit denen die meisten sich „normal“ ernährenden Menschen weniger gut versorgt sind, wie Folsäure, Magnesium, Kalium, Vitamin C, Vitamin E, Folsäure, Karotinoide und sekundäre Pflanzenstoffe wie Flavonoide oder Polyphenole; bzw. die geringere Aufnahme von negativ bewerteten Nährstoffen wie Cholesterin oder mehrfach ungesättigten Fettsäuren (ADA 2009, Keller 2012). All dies gilt natürlich auch für Kinder und wäre zumindest in einem Halbsatz erwähnenswert. Nicht so bei der DGE. Sie betitelt ihren Text mit „Vegane Ernährung: Nährstoffversorgung und Gesundheitsrisiken im Säuglings- und Kindesalter“ und fährt nach der Einleitung fort mit: „Potenziell kritische Nährstoffe und Gesundheitsrisiken bei veganer Ernährung“. Andererseits verwundert das in einem Fall, bei dem es so eklatant an wissenschaftlicher Objektivität und Redlichkeit mangelt, auch nicht mehr.
    Es verwundert auch nicht mehr, wenn hinter sechs Quellenangaben der DGE steht in Klammern: „Abstract“. Eine Quelle überhaupt vollständig zu lesen, scheint schon nicht mehr notwendig.
    Vorteile zu verschweigen, veraltete Quellen zu benutzen und vor allem alle möglichen Ernährungslehren als Veganismus zu deklarieren, sind keine neuen Methoden bei Versuchen, Veganismus im Misskredit zu bringen. Bereits vor achtzehn Jahren hat Gary Varner auf solches Vorgehen vieler ernährungswissenschaftlicher Aufsätze (hier: im anglo-amerikanischen Raum) hingewiesen (Varner 1994)5. Geändert hat sich die Situation bis heute, wie man sieht, nicht bei allen.


    Kritik der einzelnen Nährstoffe

    Mehr als die Hälfte der genannten Quellen betreffen keine Veganer und es ist daher unzulässig, sich bei der Bewertung veganer Ernährung auf sie zu stützen. Trotzdem bleibt noch knapp die Hälfte übrig. Entsprechend der Abfolge im DGE-Positionspapier sollen nun die dortigen Aussagen anhand der übrig bleibenden Quellen überprüft werden.

    Allgemein

    Im ersten Abschnitt („Allgemein“) wird eine Reihe von potenziell kritischen Nährstoffen aufgezählt. Die Quellen, die nach dem Ausschluss übrig bleiben, sagen auch nicht mehr als das: ein Mangel ist potenziell möglich. Das ist er bei fast allen Nährstoffen bei allen Ernährungsformen. Daraus kann man nicht viel mehr ableiten, als dass darauf zu achten ist und ggf. zu kontrollieren. Für die Unmöglichkeit gesunder veganer Kinderernährung spricht das nicht.

    Energie und Protein

    Sortiert man im Abschnitt „Energie und Protein“ wieder die nicht zutreffenden Quellen aus, bleiben immerhin drei Quellen übrig.
    Die erste ist BfR 2007, laut der „[n]icht oder nicht voll gestillte Säuglinge [..] Sojaerzeugnisse nur in begründeten Ausnahmefällen und nach ärztlicher Empfehlung regelmäßig bekommen [sollten]“. Was die DGE nicht sagt, ist weshalb das BfR zu dieser Schlussfolgerung gelangt. Die Aussagen sind gerade hinsichtlich der Bewertung von Sojanahrung nicht uninteressant: Zuerst heißt es, die Ablehnung von Säuglingsnahrung auf Sojabasis wegen des Isoflavon-Gehalts stütze sich nur auf Tierversuchsergebnisse und In-vitro-Untersuchungen über Isoflavone, sodass diese Ergebnisse kaum übertragbar sind, da die Versuchstiere einen anderen Isoflavon-Stoffwechsel aufweisen als Menschen (BfR 2007, 3). Weiterhin wird gesagt, trotz höherer Isoflavon-Spiegel wurden keine negativen Auswirkungen bei Säuglingen und älteren Probanden festgestellt (ebd., 2, 3, 4); es liegen keine langfristigen Studien zur Auswirkung von Sojasäuglingsnahrung vor (ebd., 2; allerdings ist in den USA Sojasäuglingsnahrung seit über 40 Jahren in Gebrauch und das ohne bekannte negative Folgen); alle Studien, die negative Auswirkungen zu erkennen glaubten, sind veraltete und weisen mangelhafte Studiendesigns auf und/oder konnten keinen statistischen Zusammenhang aufzeigen, sondern nur Vermutungen anstellten (ebd., 2, 3, 4 bzw. ebd., 2, 4). Als Gründe sich gegen Sojasäuglingsnahrung auszusprechen bleibt beim BfR letztlich eine als nicht optimal bewertete Nährstoffzusammensetzung übrig (ebd., 5), betreffend, dass etwas mehr Eiweiß enthalten sein könnte und etwas weniger Phytate. Dieses Bedenken sollten in modernen Sojasäuglingsnahrungen jedoch inzwischen angepasst sein. Ein Blick auf die Nährstoffzusammensetzung kann Klarheit schaffen und die Nahrung des Säuglings ggf. entsprechend angepasst werden. Einen Grund gegen vegane Kinderernährung bietet das nicht, eher einen Hinweis für Hersteller.
    Zu ergänzen ist eine neuere Studie, die einmal überprüft hat, ob es tatsächlich klinisch nachgewiesene Fälle gibt, bei denen sich negative Auswirkungen durch Sojasäuglingsnahrung bei Menschen nachweisen lassen (Vandenplas et al. 2011). Die Antwort ist: Es gibt keinen einzigen. Sojasäuglingsnahrung ist für Veganer daher nach wie vor eine unbedenkliche Möglichkeit, wenn das Stillen nicht möglich sein sollte.
    Die zweite Quelle der DGE ist eine positive (Young und Pellett 1994) mit der Aussage, durch pflanzliche Nahrungsmittel könnten alle notwendigen Aminosäuren gedenkt werden.
    Die dritte Quelle ist Kraj?ovi?ová-Kudlá?ková et al. 1997. Sie soll als Beleg dafür herhalten, dass „der Bedarf an unentbehrlichen Aminosäuren in Phasen hohen Bedarfs wie dem Wachstum nicht ausschließlich durch pflanzliches Protein gedeckt werden“ kann, sondern tierliches erfordert. Sehr überzeugend ist diese Aussage jedoch nicht, wenn man bedenkt, dass es (worauf auch im DGE-Positionspapier hingewiesen wird) Gegenmeinungen gibt (eben Young und Pellett 1994); dass sich Kraj?ovi?ová-Kudlá?ková et al. für diese Behauptung zweimal selbst zitieren müssen und ihre dritte Quelle 25 Jahre alt ist (ebd., 313; zum Problem alter Studien s.o.); und dass durchaus einige seit Geburt vegan ernährte Kinder in fortgeschrittenem Alter existieren, die sich offenkundig normal entwickelt haben.
    Bemerkenswert an diesem Abschnitt ist auch, was nicht darin steht. Zum Beispiel wurde die Quelle Abdulla et al. 1981 im Abschnitt zu Jod benutzt. Allerdings wird bei Abdulla et al. auch die für diesen Abschnitt relevant Aussage getroffen, dass die Aufnahme von essentiellen Aminosäuren aller Probanden dieser Studie die Empfehlungen überschritt. Ebenso wenig wurde die Studie Sanders 1988 herangezogen, was auffällig ist, da von Sanders zwei andere Studien zu den Quellen gehören und diese nicht weniger relevant ist. Sanders schlussfolgerte bereits 1988 hinsichtlich des Wachstums, dass „entsprechende Sorgfältigkeit [care] vorausgesetzt, vegane Ernährung normales Wachstum und normale Entwicklung gewährleisten kann“. Oder die ebenfalls recht alte Untersuchung (O’Connell et al. 1989), die zum Schluss kommt, vegan ernährte Kinder hätten ein geringfügig weniger umfangreiches, aber normales Wachstum. Dass Studien von den Autoren der DGE selektiv ausgewertet wurden bzw. selektiv recherchiert worden sei, will ich damit natürlich nicht behaupten.

    Eisen

    Wenn man für diesen Abschnitt die Quellen abzieht, die keine Veganer betreffen oder die nur allgemeine Aussagen machen, bleiben übrig: null. Nun ja. Was die DGE ansonsten schreibt, ist trotzdem der Mitteilung wert: „Ob sich der Eisenstatus von vegan bzw. vegetarisch ernährten Kleinkindern mit einer abwechslungsreichen Lebensmittelauswahl und dem Verzehr von Vollkornbrot als Grundlebensmittel sowie von Vitamin C-reichem Obst und Gemüse von dem von omnivor ernährten Kleinkindern unterscheidet, ist aufgrund der unzureichenden Datenlage unklar.“ Neben dem Hinweis, eisenhaltige Nahrung mit Vitamin-C-haltiger Nahrung zu kombinieren, gelten vielmehr allgemeine Empfehlungen zur Vermeidung eines Eisenmangels für Säuglinge (Aggett et al. 2002), die natürlich auch vegane Kinder betreffen: ausschließliches Stillen bis zum 6. Monat bzw. Verwendung eisenangereicherter Pränahrungen bzw. Zufuhr eisenreicher Beikost, ggf. eine moderate Supplementation. Selbst die DGE, die vegane Kinderernährung ablehnt, kommt also zu dem Schluss, dass Eisenmangel kein veganes Problem ist.
    Was wiederum nicht in diesem Abschnitt steht sind z.B. die Ergebnisse bei Abdulla et al. 1981 (die, wie bereits erwähnt, im Abschnitt zu Jod herangezogen wird, nicht aber in diesem): Hier waren die Werte für Eisen (sowie Magnesium und Zink) bei der veganen Gruppe höher als bei der omnivoren Vergleichsgruppe. Das lässt sich sicher nicht verallgemeinern, hätte dennoch diskutiert werden müssen. Oder die Studien von Craig 1994 und Larsson/Johansson 2002 mit der Aussage, Eisenmangel sei unter veganen Kindern bzw. jungen Veganern nicht signifikant häufiger als unter omnivoren. Dass Studien von den Autoren der DGE selektiv ausgewertet wurden bzw. selektiv recherchiert worden sei, will ich damit natürlich nicht behaupten.

    Calcium

    Kalziumanreicherung ist bei Sojamilch Standard
    Kalziumanreicherung ist bei Sojamilch Standard
    Wenn man für diesen Abschnitt die Quellen abzieht, die keine Veganer betreffen oder die nur allgemeine Aussagen machen, bleibt übrig: eine. Das ist die Aussage der American Dietetic Association (2009), Kalzium-angereicherte Lebensmittel könnten einen signifikanten Beitrag zur Kalziumversorgung bei Veganern leisten. Wenn man bedenkt, dass beispielsweise fast keine Sojamilch mehr erhältlich ist, die nicht den gleichen Kalziumgehalt wie Kuhmilch aufweist, dürfte es für die meisten Veganer eher schwierig werden, Kalzium-angereicherte Lebensmittel zu vermeiden.
    Zum dritten Mal nicht erwähnt wurde Abdulla et al. 1981. In diesem Fall mit dem Ergebnis, dass der Kalziumspiegel der untersuchten Veganer fast gleich mit dem der omnivoren Vergleichsgruppe war. Und das im Jahr 1981. Dass Studien von den Autoren der DGE selektiv ausgewertet wurden, will ich damit usw.

    Jod

    Wenn man für diesen Abschnitt die Quellen abzieht, die keine Veganer betreffen oder die nur allgemeine Aussagen machen (Prophylaxe-Empfehlungen), bleiben übrig: drei. Das beste Ergebnis bisher.
    Laut Abdulla et al. 1981 und Kraj?ovi?ová-Kudlá?ková et al. 2003 sei die Jodaufnahme bei Veganern geringer. Jedoch sagt Abdulla et al. auch, dass dennoch keine Zeichnen einer Unterversorgung bei Veganern festgestellt wurden. Und Kraj?ovi?ová-Kudlá?ková et al., dass Omnivoren ohne jodiertes Speisesalz (und dessen Verwendung in weiterverarbeiteten Lebensmitteln) wenig Jod aufnehmen würden (ebd., 185). Da Mitteleuropa allgemeines Jodmangelgebiet ist und die Empfehlung, zweimal wöchentlich Fleisch von Hochseefischen zu essen, laut Verzehrstatistik kaum jemand erreicht, bleibt Jodsalz die sicherste Versorgungsquelle, unabhängig von der Ernährungsform.
    Shaikh et al. 2003 als dritte Quelle soll eine Fallbeschreibung eines veganen Kindes mit Jodmangel enthalten. Laut diesem Bericht wurde das Kind nur sechs Tage lang gestillt und bekam dann Sojasäuglingsnahrung, die wie alle (auch nicht-vegane) Säuglingsnahrung mit Jod angereichert ist. Das darin zugesetzte Jod hat dann die schlechten Jod-bezogenen Blutwerte verbessert, wie die Autoren vermuten (ebd., 113). Das Problem lag also bei der Mutter, deren Jodzufuhr zu gering war und hätte auch anders ernährte gestillte Kinder betroffen.
    Wie darüber hinaus in diesem Abschnitt betont wird, sollen laut allgemeinen Empfehlungen alle Säuglinge unabhängig ihrer Ernährungsform einer Jodprophylaxe erhalten. Mögliche Fälle von Jodunterversorgung gehen daher viel eher auf die Nicht-Beachtung dieser ärztlichen Empfehlung zurück, als von der Ernährungsform.
    Die Aussage, dass die Jodprophylaxe bei veganen Kindern auch nach dem Stillen fortgeführt werden soll (nach der Quelle Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde 1996), findet sich in angegebener Quelle nicht. Dennoch ist bei veganen, wie auch nicht-veganen, Kindern auch nach der obligatorischen Jod-Prophylaxe auf eine ausreichende Versorgung durch Jodsalz, jodsalzhaltige Lebensmittel oder andere Quellen zu achten.

    Zink

    Für diesen Abschnitt gibt es keine auf vegane zutreffende Studie. Das ADA-Positionspapier rate jedoch „mit Einführung von Beikost zu einer individuellen Beurteilung der Zinkzufuhr und in Abhängigkeit des Ergebnisses zu einer Zufuhr von Supplementen oder angereicherten Lebensmitteln“. Die DGE hält diese „individuelle Vorgehensweise“ für „in der Praxis wenig realistisch“. Leider ohne Erklärung, weshalb sie „wenig realistisch“ sei. Mir fällt kein Grund ein, weshalb man die Blutwerte nicht überprüfen lassen können und ggf. supplementieren sollte, falls man nicht gleich vorsorglich supplementiert.
    Um mehr Informationen zu liefern als das „Es geht nicht, aber wir verraten nicht, weshalb“ der DGE: Zink sollte nicht mit Lebensmitteln reich an Phytaten (v.a. in Getreide und Getreideprodukten) und/oder reich an Kalzium (bzw. Kalziumsupplementen) zu sich genommen werden, da dies die Resorption vermindert. Zur Zinkversorgung empfehlenswert ist der Konsum von beispielsweise Nüssen (Para-, Erd- und Walnüsse), Sojaprodukten und Haferflocken.

    Vitamin B12

    Bei diesem Abschnitt müsste die DGE „leichtes Spiel“ haben, da es eindeutig ist, dass bei einem Vitamin-B12-Mangel der Mutter Neugeborene und gestillte Kinder kein Vitamin B12 aufnehmen. Und ein solcher Mangel ist zwangsläufig der Fall, wenn die vegane Mutter nicht direkt supplementiert oder angereicherte Nahrungsmittel zu sich nimmt, wobei die Anreicherung von Lebensmitteln vergleichsweise neu ist. Trotzdem bleiben hier lediglich vier Quellen, die (möglichweise) Veganer betreffen, übrig. Und selbst bei diesen (offensichtliche Nicht-Veganer sind bereits ausgeschlossen) kann nicht sicher festgestellt werden, dass es sich bei den untersuchten Personen um Veganer gehandelt hat.
    Bei Lücke et al. 2007 werden vier Fälle beschrieben. Die Mutter des dritten Falls ernährte sich „nahezu vegan“ (ebd., 159) (also nicht vegan). Über die Ernährung von Mutter oder Säugling der anderen drei Fälle gibt es keine Angaben. In Anbetracht der Wortwahl (die Mutter des vierten Falls ernähre sich „veganisch“ (ebd.)) und der Feststellung, dass es sich zwei von vier angeführten Quellen von B12-Mangel bei angeblichen Veganern (ebd., 160) offensichtlich um keine Veganer handelt,6 ist zweifelhaft, ob die anderen drei hier beschriebenen Fälle nicht auch Anhänger irgendwelcher Ernährungslehren statt Veganer betreffen.
    Bei Stötter und Mayrhofer 1996 betrifft ihr erster Querverweis auf bisherige Fälle veganen B12-Mangels Makrobiotiker (ebd., 4) und unter den Quellen finden sich noch weitere Studien zu Makrobiotikern (z.B. zu Dagnelie 1989). Von ihren vier Fallbeispielen, die alle „vegan“ waren, erhielt eines „ab und zu Milchprodukte“ (ebd., 5). Offensichtlich kann Stötter vegane Ernährung nicht von unveganer (egal welcher Art) unterscheiden, daher ist es fraglich, ob die anderen drei Fälle vegan waren.
    Weitere Fälle würde bei Dror/Allen (2008) aufgeführt. Überprüft man diese Quelle, erschließt sich, weshalb einige der zitierten bereits keine Veganer waren. Denn Dror/Allen treffen keine Unterscheidung zwischen Veganismus und (prinzipiell oder potenziell nicht-veganen) Ernährungslehren wie Makrobiotik und anderen oben aufgeführten. Bedenkt man die übliche Vermischung, infolge derer (wie beim DGE-Positionspapier) durchschnittlich nicht einmal die Hälfte der Fälle auf tatsächliche Veganer beruhen, dürfte auch bei Dror/Allen die Anzahl der tatsächlichen Veganern wahrscheinlich nicht sehr hoch sein.7
    Bei Sklar 1986 (falls es sich hier um Veganer handelt)8 liegt der Mangel daran, dass die Mutter keine Supplemente erhielt bzw. nahm (ebd., 219). Damit wird nicht mehr als das Offensichtliche bestätigt.
    Festzuhalten ist jedoch, dass die DGE aus all diesen Fällen (angeblichen) Vitamin-B12-Mangel nur schließt, entsprechend auch den Empfehlungen der ADA regelmäßig Vitamin B12 zu supplementieren.9 Etwas anderes lässt sich daraus auch nicht ableiten. Eine Supplementierung ist einfach, billig und sicher. Und gerade wegen der Wichtigkeit dieses Vitamins für die Entwicklung des Nervensystems und der Anfälligkeit der Resorption (sodass trotz Aufnahme kaum etwas in den Blutkreislauf gelangt), ist eine Supplementierung auch für nicht-vegane Mütter mindestens während Schwangerschaft und Stillzeit empfehlenswert. So ist es nicht schwer Beispiele zu finden, bei denen bei nicht-veganen Kindern von nicht-veganen (omnivoren) Müttern ein Vitamin-B12-Mangel festgestellt wurde (z.B. Ide et al. 2011 oder Quentin et al. 2012), was hätte vermieden werden können.

    Vitamin D

    Wenn man für diesen Abschnitt die Quellen abzieht, die keine Veganer betreffen oder die nur allgemeine Aussagen machen, bleiben übrig: null. Zwar beginnt der Abschnitt mit „Aus Untersuchungen mit Kindern liegen Hinweise vor, dass ein Vitamin D-Mangel bei makrobiotischer [!] Ernährung“, sodass der Leser weiß, dass die dann genannten Quellen keine Veganer betreffen. Jedoch endet der Absatz mit „Auch bei veganer [!] Ernährung mit begrenzter Lebensmittelauswahl und Ablehnung von Supplementen kam es bei Säuglingen und Kleinkindern zu Rachitis und Hypocalcämien“ und nennt drei Quellen, die immer noch keine Veganer betreffen.10 Würde man nicht annehmen, die DGE hätte sich an die Grundsätze wissenschaftlicher Redlichkeit gehalten, könnte man fast auf den Gedanken kommen, die irreführende Vermischung von Veganismus mit Ernährungslehren sollte durch die scheinbar bewusste Unterscheidung verschleiert werden.
    Im zweiten Absatz wird dann darauf verwiesen, eine Vitamin-D-Supplementierung werde für alle Kinder im ersten Lebensjahr „unabhängig von der Art der Ernährung“ empfohlen. Zu berichtigen ist: Eine Vitamin-D-Supplementierung unabhängig der Ernährung gilt nicht nur für Kindern, sondern für alle Menschen (in Mitteleuropa). Denn bei einem Vergleich zwischen Omnivoren, Vegetariern und Veganern zeigte die Ernährung keinen signifikanten Einfluss auf den Vitamin-D-Spiegel (Chan et al. 2009). Zu wenig Vitamin D ist ein Problem für alle Menschen in unseren Breitengraden. Denn die Bildung in der Haut über die UV-B-Strahlung des Sonnenlichts ist die Hauptquelle. Die ist nur im Sommerhalbjahr verfügbar, doch selbst dann nehmen viele Menschen nicht genügend Sonnenlicht auf. Vitamin-D-Mangel ist also kein Problem der veganen Ernährung (und auch nicht des Alters).

    Omega-3-Fettsäuren („Langkettige n-3 Fettsäuren“[sic])

    Der Abschnitt zu Omega-3-Fettsäuren (das sind: ALA, EPA und DHA) ist der einzige, bei dem alle nicht-allgemeinen Quellen auf tatsächliche Veganer zurückgehen könnten. Ungünstigerweise muss dann ausgerechnet hier von der DGE festgestellt werden, dass Mangelsymptome nicht feststellbar sind.
    Die Kernaussage lautet: Die Aufnahme und der Blutspiegel der Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA ist bei Veganern merklich niedriger als bei Omnivoren. Negative Auswirkungen dadurch konnten jedoch nicht beobachtet werden. Sanders/Reddy (1992, S76) schreiben z.B. (was die DGE jedoch erwartungsgemäß nicht zitiert): Trotz der niedrigeren Blutspiegel gibt es „keinen Hinweis darauf, dass neurale oder intellektuelle Funktionen [veganer Kinder] beeinträchtigt sind“ (wie bei einem Omega-3-Mangel im Wachstumsalter zu erwarten wäre).
    Erneut muss gefragt werden, wieso hier ebenfalls relevante Studien nicht aufge-nommen wurden. Obwohl von Sanders zwei andere Studien herangezogen werden, wird eine neuere (Sanders 1999) ausgelassen. Darin wird erneut bestätigt, dass bei veganen Kindern trotz der geringeren Mengen von DHA im Blut keine Beeinträchtigung der neuronalen Entwicklung festgestellt werden kann. Oder die Studie von Magdalena et al. (2005), die auch im sonst sehr ausgiebig herangezogenen AJCN erschien. Hier wird festgestellt, dass erwachsene Veganer eine niedrige, aber (auch über lange Zeiträume) stabile Konzentration von EPA und DHA im Blut aufweisen, die Umwandlung aus der ausreichend aufgenommenen Omega-3-Fettsäure ALA also zumindest für die Vermeidung eines Mangels ausreicht.
    Rapsöl als Omega-3- und -6-Quelle
    Flachs- (bzw. Leinsamen-) oder Rapsöl als Omega-3- und -6-Quelle
    Und erneut ist fraglich, ob Nicht-Veganer so sicher vor einer Omega-3-Unterversorgung sind. Die hier zierten Studien Koletzko et al. 2007 und 2008 empfehlen ein- bis zweimal die Woche eine Mahlzeit mit Seefischen. Wenige Menschen (in den deutschsprachigen Ländern) werden das tatsächlich umsetzen können und wollen. Zudem schwank der DHA-Gehalt bei Seefischen, eine wirklich sichere Versorgung ist ähnlich wie bei Jod unabhängig der Ernährungsform nur durch eine Supplementierung zu gewährleisten.
    Für (vor allem schwangere und stillende) Veganer wie auch Nicht-Veganer gilt dennoch die hier genannte Empfehlung: Zur Sicherheit sollten täglich 200 mg DHA supplementiert werden. Zusätzliche Hinweise: Linolsäure (gehört zu den Omega-6-Fettsäuren) stört die Umwandlung von ALA in EPA und DHA, der Konsum von Linolsäure (v.a. Sonnenblumenöl) sollte daher reduziert werden. Dagegen sollte die ALA (Alpha-Linolensäure, eine Omega-3-Fettsäure) konsumiert werden als Ausgangsbasis für die Umwandlung zu EPA und DHA. Geeignet sind dafür vor allem Flachs- (bzw. Leinsamen-) und Rapsöl, da andere Öle ein ungünstiges Verhältnis von Omega-3- zu Omega-6-Fettsäuren aufweisen.11

    Fazit

    Im „Fazit“ wird nun zusammengefasst, bei welchen Nährstoffen das „Risiko einer defizitären Zufuhr“ besteht. Hier hätte man getrost alle Nährstoffe, die es gibt, aufzählen können, denn ein (hier ja nicht näher benanntes) Risiko besteht immer. Dass die Wahrscheinlichkeit dafür umso größer ist, „je stärker die Lebensmittelauswahl eingeschränkt wird und je weniger abwechslungsreich die Ernährung ist“ ist völlig richtig. Bevor darauf jedoch abzuleiten ist, dass vegane Ernährung (hier plötzlich „rein pflanzliche Ernährung“) „nicht geeignet, um eine adäquate Nährstoffversorgung und die Gesundheit des Kindes sicherzustellen“, hätte man sich auf Quellen stützen müssen, bei denen nicht die Hälfte eindeutig keine Veganer betrifft und von der verbliebenen Hälfte dies immer noch bei einem Großteil fraglich ist. Doch womöglich hätte man dann, wie die ADA, zum Schlussfolgerung kommen müssen, vegane Ernährung ist auch im Kindes- und Säuglingsalter praktikabel. Das sollte wohl vermieden werden.
    Für schwangere und stillende Veganerinnen und vegane Kinder gilt trotzdem, die (auch für Nicht-Veganer geltenden) Supplementierungsempfehlungen umzusetzen, zusätzlich die für Vitamin B12, die DHA-Fettsäure und Zink. Zudem ist empfehlenswert, die Energiedichte der Nahrung zu steigern. Das ist möglich über die Verminderung von Nahrungsmitteln mit vielen Kohlenhydraten und/oder Ballaststoffen und die Steigerung von Nahrungsmitteln mit hohem Eiweiß- und/oder Fettgehalt.


    Zusammenfassung

    Das DGE-Positionspapier weist gravierende Mängel beim Nachweis der behaupteten Aussagen auf, die das formulierte Ergebnis grundsätzlich infrage stellen. Die wesentlichen dieser Mängel sind:

  • Mehr als die Hälfte der zitierten Studien über angebliche Veganer betraf Anhänger von Ernährungslehren, die sich von veganer Ernährung deutlich unterscheiden.
  • Selbst von den verbleibenden Studien ist es bei einem Teil fraglich, ob sie Veganer betreffen; sie machen andere Aussagen, als die von der DGE zitierten; oder entlasten die Vorwürfe.
  • Es wurden mehrere veraltete Studien herangezogen, obwohl deren Ergebnisse auf die heutige Zeit kaum übertragbar sind.
  • Viele zitierten Studien wurden einseitig negativ ausgewertet, positive Aussagen über vegane Ernährung wurden nicht mit aufgenommen. Andersherum wurden die Risiken nicht-veganer Ernährung bei den jeweiligen Nährstoffen selten erwähnt.
  • Die Recherche von Studien über vegane Ernährung erfolgte offensichtlich selektiv. Relevante Studien, die hätten gefunden werden müssen (weil sie von einem mehrfach zitierten Autor stammen oder in einer unter den Quellen stark vertretenen Zeitschrift veröffentlicht wurden), wurden nicht herangezogen.


  • Weitere Links zum Thema
    Einträge auf veganekinder.de in der Rubrik „Informationen“ u.a. zu den Themen: Auszug aus der ADA-Position, Bioverfügbarkeit, Eisen, Folsäure, Kalzium, Vitamin D, Vitamin B12, Zink. Sowie in der Rubrik „Fragen“ u.a. zu den Fragen »Ist es nicht schädlich, Kinder vegan zu ernähren?«, »Ist vegane Ernährung für Kinder gesund?«, »Worauf ist während der Schwangerschaft zu achten?« und »Worauf ist während der Stillzeit zu achten?«.
    Der veganismus.de-FAQ-Eintrag „Aber die DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung) sagt …


    [Für Quellen und Fußnoten Eintrag vollständig anzeigen lassen:] "Veganer und Nicht-Veganer" vollständig lesen

  • Die „China Study“ und die Unkritischen
    Jonathan Safran Foers Buch Tiere essen wurde von den Medien bald nach Erscheinen zur „Bibel der Vegetarier“ erklärt. Der Vergleich passt auf unfreiwillige Weise, denn das bedeutet: Es ist ein Buch, das weitgehend ungelesen ins Regal gestellt wird und in dem man, wenn man es denn einmal liest, Aussagen findet, die den Behauptungen darüber widersprechen. So wie die Bibel als „Buch der Liebe“ deklariert wird, obwohl sie voller Gewaltverherrlichung steckt, tritt Foer nicht (einmal) für Vegetarismus ein, sondern nur für die Reduzierung des Fleischkonsums.

    Nun steht das nächste Buch, das zu einer „Bibel“ wird, in der Reihe. Es handelt sich um Campbells China Study. T. Colin Campbell und sein Sohn haben über mehrere Jahre in China Daten zum Ernährungsverhalten der dortigen Bevölkerung und ihren Gesundheitszustand gesammelt, um daraus Rückschlüsse auf die gesündeste Ernährungsweise ziehen zu können. Dieses Buch wird nun mit einer erstaunlichen Reflexhaftigkeit – ohne dass die meisten der Adepten einen Blick hineingeworfen hätten – in bestimmten Kreisen zum fünften Evangelium erklärt. Andererseits nimmt es auch nicht wunder, betrachtet man diese Kreise näher. Es ist vordergründig die Esoterik-Fraktion unter den Veganern – Homöopathie, „Impfkritik“, Ernährungslehren und das Modewort „Ganzheitlichkeit“ sind nur einige ihrer Merkmale. Passend dazu ist die deutsche Übersetzung im verlag systemische medizin erschienen, der hauptsächlich Esoterik-Literatur vertreibt. Auch die deutsche Aktionsseite zum Buch (diechinastudy.de) weist ähnlich geartete Links auf.

    Das „gute Buch“?
    Das „gute Buch“?
    Es spräche nichts dagegen, dieses Buch zur Lektüre zu empfehlen. Doch die Art und Weise, wie diese Empfehlung von einigen betrieben wird, erinnert eben doch an quasireligiöse Verkündigung. Eine kritische Reflexion findet nicht statt, obwohl gerade im Bereich Ernährungswissenschaft die einzige Konstante ist, dass fast keine definitiven Aussagen möglich sind. Dennoch werden Campbells Behauptungen unhinterfragt als offenbarte Wahrheit dargestellt.

    Dabei wäre von jedem zu erwarten, dass er imstande ist, Aussagen kritisch zu lesen. Es ist zudem nicht schwierig, fachliche Kritik zu finden, wenn man meint, das eigene Fachwissen reiche nicht für eine kritische Beurteilung. Natürlich ist nicht jede Kritik an Campbell fraglos berechtigt. Sie stammt auch aus ähnlich vorurteilsbehafteten und vor Ideologie blinden Personen und Organisationen, von denen die Weston A. Price Foundation nur die bekannteste ist (sie propagiert, möglichst viele unverarbeitete Tierprodukte zu essen). Doch gibt es auch glaubwürdige Kritiker wie auf sciencebasedmedicine.org oder in privaten Blogs, die trotz aller inhaltlichen Kritik Campbells Untersuchung als wichtigen Beitrag zur Diskussion würdigen.

    Sie weisen jedoch auf einige grundsätzliche Probleme hin, die alle zur Kenntnis nehmen sollten, die meinen, Campbell wäre die Antwort auf die letzten Fragen.


    Statistiken und Korrelationen

    Ein Grundproblem liegt in Campbells Herangehensweise. Wie er selbst sagt,1 sammelte er die vielen Daten nicht, um mit ihrer Hilfe Schlussfolgerungen zu ziehen, sondern um seine Theorien, die für ihn bereits feststanden, zu beweisen – eine wissenschaftlich unredliche Vorgehensweise. Aufgrund dieser Haltung musste er nur unter den 8 000 statistisch signifikanten Korrelationen, die sich aus den Rohdaten ergeben haben, die geeigneten zusammenzusuchen.

    Nicht bereinigte Statistik
    Nicht bereinigte Statistik
    Nur heißt eine Korrelation zu finden nicht, die Ursache identifiziert zu haben. So finden sich nicht nur positive Korrelationen zwischen dem Konsum von Tierprodukten und Krebs, sondern auch zwischen dem Konsum von Weizenprotein und Krebs und zwischen grünem Gemüse und Herzkrankheiten. Dieser Herangehensweise entspricht ebenfalls sein Umgang mit Statistiken, der es Kritikern oft einfach macht. So die Statistik über Brustkrebs, in der es einen „Ausreißer“ gibt, also einen Wert, der sehr stark von den anderen abweicht. Solche Werte werden normalerweise ausgeschlossen, weil sie, wie hier der Fall, sonst das Ergebnis verzerren können. Ließe man ihn weg, wäre die Korrelation zwischen Brustkrebs und dem Konsum von Tierprotein kaum höher als die zwischen Brustkrebs und Pflanzenölen.

    Neben diesen statistischen Fragwürdigkeiten, argumentiert er stark monokausal. Ursachen für Krebs gibt es viele (nicht nur Cholesterin). Verantwortlich können auch gemacht werden: der Blutzuckerspiegel, stark verarbeitete Weizenprodukte, Bierkonsum oder Faktoren außerhalb der Ernährung wie die Beschäftigung in der Industrie statt in der Landwirtschaft oder Verwaltung. Campbell selbst behauptet, Reduktionismus sei eine häufige Fehlerquelle. Dennoch benutzt er Cholesterin nicht weniger reduktionistisch als eindeutige Krankheitsursache.

    Zur Monokausalität gehört ebenfalls, dass Ergebnisse von Untersuchungen an Kasein auf alle Tierproteine übertagen werden, obwohl sich andere Tierproteine biochemisch auch anders verhalten. Manche Fakten werden erst gar nicht erwähnt. So zum Beispiel, dass China die weltweit höchste Magenkrebsrate hat, was nicht so recht zum Vorbild passt, zudem es gemacht werden soll.


    Das leidige Thema

    Abgesehen vom Thema Tierproteine ist besonders beachtenswert, welche Aussagen er zum Thema Veganismus (wenn man es so nennen will) macht. Seine Aussagen zu Vitamin B12 passen leider in die Reihe seines oftmals unfundierten und wenig durchdachten Umgangs mit Quellen. Angeblich würden Pflanzen B12 problemlos aus dem Boden aufnehmen, solange es „gesunder Boden“ ist, kein „lebloser“ (S. 232; hier wie im Folgenden zitiert nach der englischen Ausgabe). Gemeint ist mit diesen Begriffen die Biolandwirtschaft. Damit ist das Thema im Buch für ihn beendet. Jedoch zeigt die Quelle, auf die er seine Behauptung stützt,2 dass es einige Probleme mit der Umsetzung gäbe.

    Das eine Problem: Die geteste Methode der B12-Anreicherung ist „bio“, aber nicht vegan, denn der „Bio-Dünger“, der das B12 enthält und mit dem die Tests gemacht wurden, ist Tierdünger. Theoretisch ist auch die Ausbringung von B12 selbst möglich; nur fragt sich, inwiefern das dann noch als bio zu bezeichnen ist, da es sich schließlich um einen äußerst „unnatürlichen“ Vorgang handelt. Abgesehen von der Ineffizienz, B12 auf die Felder zu schütten anstatt Nahrungsmitteln direkt damit anzureichern.

    B12-Versorgung nach neuer Methode durch nur 2 Kilo Spinat täglich möglich
    B12-Versorgung nach neuer Methode durch nur 2 Kilo Spinat täglich möglich
    Das andere Problem: Die Menge B12 in den Pflanzen reicht bei weitem nicht für eine gesicherte Versorgung. Der höchste Wert, der bei den Tests erreicht wurde, liegt bei knapp 18 Nanogramm je Gramm Trockengewicht Spinat. Für die Tagesdosis von zehn Mikrogramm B12 müsste man also Spinat in einer Menge von ca. 550 Gramm Trockengewicht oder zwischen anderthalb und zwei Kilo Normalgewicht konsumieren. Und das täglich.

    Entsprechend fahrlässig ist es, dass Campbell von Supplementierung abrät. Außer wenn man seit mehr als drei Jahren keine Tierprodukte isst, schwanger ist oder stillt, dann sollte man „gelegentlich kleine B12-Supplemente nehmen“ oder jährlich seinen B-Vitamin- und Homocystein-Spiegel überprüfen lassen. Nur sind „gelegentlich kleine Mengen“ zu wenig (zu den richtigen Mengen und richtigen zeitlichen Abständen siehe hier) und Testen zu lassen ist unsinnig. Es ist deutlich teurer als Supplemente zu kaufen und kann durch fehlerhafte Ergebnisse in falscher Sicherheit wiegen.


    Campbell für Veganismus?

    Sowohl von den Befürwortern als auch von einigen Gegnern des Buches wurden Campbells Ernährungsempfehlungen auf den Begriff „Veganismus“ gebracht; der Untertitle der zweiten Auflage lautet nun „Die wissenschaftliche Begründung für eine vegane Ernährungsweise“. Allen diesen ist entweder nicht bekannt, was Veganismus ist, sie haben das Buch nicht gelesen, nicht verstanden oder die Widersprüche, die sich finden, sind ihnen schlicht egal. Ich überspringe den offensichtlichen Fehler, dass Veganismus keine Ernährungsweise ist, sondern auch Nicht-Ernährungsbereiche umfasst, und komme zur entscheidenden Stelle (S. 242, 244):

    Mein Ratschlag ist zu versuchen, alle Tierprodukte aus der eigenen Ernährung zu streichen, es aber nicht zu übertreiben. Wenn eine schmackhafte Gemüsesuppe mit Hühnerbrühe gemacht ist oder wenn ein herzhafter Laib Brot eine kleine Menge Ei enthält, machen Sie sich keine Gedanken. […] Diese Mengen sind höchstwahrscheinlich ernährungstechnisch vernachlässigbar.


    Wobei er die erste Anweisung – möglichst alle Tierprodukte zu vermeiden – auch so ausdrückt, dass man den Tierproduktkonsum auf „10–0%“ (S. 242) reduzieren solle. Ernährungstechnisch hat er recht, es ist vernachlässigbar. Aber ernährungsethisch nicht: Alles außer null Prozent ist eindeutig keine vegane Ernährung. Zudem gilt „Fisch“ zu den nicht zu vermeidenden, sondern nur zu reduzierenden Nahrungsmitteln (S. 243). Ähnlich wie Foer und andere plädiert er also nur für eine (wenn auch tlw. starke) Reduzierung des Tierproduktkonsums, nicht aber für Veganismus.


    Fazit

    Bei diesem Buch wie auch bei allen anderen ist wie immer eines zu raten: kritisch lesen. Nicht irgendwelchen Organisationen nach dem Mund reden, erst recht nicht solchen, die auf Öffentlichkeitswirksamkeit und Spenden ausgerichtet sind. Denn deren kritisches Hinterfragen endet bei dem Ausstellen von Spendenquittungen.

    Wirklich nötiger gewesen wäre ein Buch, das nachweist, dass vegane Ernährung tatsächlich unproblematisch ist und wieso. Langleys Vegane Ernährung ist veraltet und und Leitzmanns & Kellers Vegetarische Ernährung zu sehr auf Vegetarismus konzentriert. Campbells Buch ist dagegen weitgehend unnötig. Dass übermäßiger Tierproduktkonsum gesundheitsschädlich ist, wird von niemandem ernsthaft bestritten. Selbst die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt den Fleischkonsum zu halbieren.

    Eine gänzliche Vermeidung von Tierprodukten kann man gesundheitlich hingegen nicht begründen. Das ist kein Argument gegen den Veganismus, da man es auch nicht muss. Veganismus ist ethisch motiviert – und ethisch ist es möglich, die gänzliche Vermeidung zu begründen. Was den gesundheitlichen Aspekt betrifft, ist Veganismus unbedenklich und deutlich gesünder im Vergleich zur gegenwärtigen Durchschnitts-Ernährung. Mehr braucht es nicht. Alles andere kann als kaum haltbare Übertreibung abgetan werden und schadet der Argumentation für Veganismus – und vor allem ihrer Glaubwürdigkeit.



    ____________________

    1 Siehe http://www.campbellcoalition.org/?page_id=203 [08.08.2011].
    2 A. Mozafar: Enrichment of some b-vitamins in plants with application of organic fertilizers, in: Plant and Soil 167 (1994), 305–11.

    Foto Cover: keyvive.com.
    Foto Statistik: rawfoodsos.com/2010/08/06/final-china-study-response-html/.


  • Methoden der Veganismusgegner
    Es gibt einen antiwissenschaftlichen Affekt im Umgang mit Veganismus. Allen voran von den Medien, haben sie sich doch Teile von ihnen noch nie für Fakten interessiert, sondern für Schlagworte und Spekulationen. Aber auch einzelne Wissenschaftler zeigen, dass sie diesem Niveau in nichts nachstehen. Schuld sind aber ebenso einige verantwortungslose Personen unter den Veganern, die Ernährungslehren anhängen und Veganismus dadurch in Verruf bringen.

    Veganer Kinderfriedhof bisher leer

    Die Diskrepanz zwischen medialer Berichterstattung und Realität wird deutlich an all den verhungerten veganen Kinder, deren genaue Zahl Null beträgt. Angelastet wurden dem Veganismus jedoch mehrere Fälle: ein Kind von Rohkost-Eltern; eines, das an einer Lugenentzündung starb; und eines, das Eier konsumierte, was nicht wirklich vegan ist.

    Aber das bisschen Recherche war vielen Vertretern der Presse zu viel. Statt sich über die Fakten zu informierten, produzierten sie lieber Überschriften wie "Kinder sollten nicht vegan leben" (Neue Westfälische, 10.07.2004), "Veganer-Eltern ließen Baby verhungern" (Kölnische Rundschau, 09.07.2004), "Kleinkind von Veganern verhungert" (Berliner Morgenpost, 10.07.2004) usw. Dass die kritische Überprüfung von Fakten (hier: waren diese Kinder überhaupt vegan) zum journalistischen Alltagsgeschäft gehöre, scheint diesen Schreibern nicht mehr vertraut zu sein.

    Journalisten korrigieren Wissenschaftler

    Noch abwegiger (aber nicht wesentlich seltener) wrid es, wenn Journalisten nicht 'vegessen' zu recherchieren, sondern nicht einmal lesen können (oder wollen), worauf sie sich beziehen. Vor zwei Jahren wurde eine Studie veröffentlicht, die den Kalziumhaushalt und die Knochendichte von Veganern untersuchen wollte.1 Zwar gab es hier den bereits methodischen Fehler, dies an buddhistischen Nonnen zu ermitteln, sodass die Ergebnisse nicht auf Veganern übertragbar sind, die unter wesentlich besseren Ernährungsbedingungen leben, aber das Ergebnis war ohnehin ein positives. Denn es wird festgehalten, dass trotz niedrigerer Kalziumaufnahme "Veganismus keine nachteiligen Folgen für die Knochenmineraldichte hat und die Körperzusammensetzung nicht ändert". In einer Pressemitteilung dazu sagt einer der Autoren:
    Für die 5% der Menschen in westlichen Ländern, die Vegetarier sind, ist das eine sehr gute Neuigkeit. Sogar Veganer, die nur pflanzliche Nahrung essen, zeigen, dass die so gesunde Knochen haben wie jeder sonst.2

    Mit einem IQ von Brokkoli?
    Mit einem IQ von Brokkoli?
    Nun möchte man meinen, "Veganer haben so gesunde Knochen wie jeder sonst" sei eindeutig. Aber die Journalisten wissen es besser als die Autoren der Studien. Denn sie haben das Detail herausgegriffen, dass die Knochendichte bei den Veganern um 6% geringer war. Das ist richtig, nur ist es eine so kleine Abweichung, dass sie von den Autoren als nicht-signifikant bewertet wurde. Die Agence-France-Presse schreibt dennoch: "Vegetarische Ernährung schwächt die Knochen" und die deutsche Variante bei n-tv trägt die Überschrift: "Veganer mit schwachen Knochen". Das setzt sich auch in Online-Magazinen fort wie bei opposingviews.com mit "Vegetarische Ernährung führt zu niedrigerer Knochendichte". Es gab auch Medien, die den Sachverhalt richtig dargestellt haben. Aber die eben genannten Beispiele, unter anderem von einer großen Presseagentur, zeigen erneut, dass manche Journalisten gerne die wesentlichen Fakten ignorieren, wenn die unwesentlichen "besser" sind.

    Erhöhtes Infarktriskio?

    So wundert es nicht, dass vor einigen Wochen eine weitere Studie von den Medien zurechtgerückt wurde. Duo Li hat lediglich bestätigt, was nicht neu ist: dass Veganer niedrigere Vitamin-B12-Werte hätten (wenn sie nicht supplementieren würden) und niedrigere Werte bei Omega-3-Fettsäuren.3 Auch nicht neu war, dass sich diese beiden Faktoren nachteilig auf Gefäße und Herz auswirken könnten.

    Erneut werden einige Frage aufgeworfen, wenn man die Studie kritisch betrachtet. So befasst sie sich eigentlich mit Vegetariern und ist deshalb nur bedingt auf Veganer anzuwenden. Bei einer der vier Studien, die Li zum Omega-3-Status anführt, wurden keine Veganer berücksichtigt, sondern nur Vegetarier.4 Bei einer weiteren5 zitiert er ihr Ergebnis nur teilweise, wohingegen die Autoren der Studie zu dem Schluss gekommen sind, dass "die endogene [körpereigene] Produktion von EPA und DHA [zwei der drei Omega-3-Fettsäuren] niedrige aber stabile Plasmakonzentrationen" gewährleistet. In der dritten Studie wurden lediglich 18 vegane Versuchspersonen einbezogen (gegenüber 121 Nichtveganern),6 was schwerlich repräsentativ ist, und die vierte Studie widerspricht der eben zitierten zweiten.7

    Aber lassen wir dies beiseite und sehen uns an, zu welcher Schlussfolgerung Li gekommen ist. Ich zitiere aus der Zusammenfassung:
    Omnivoren haben ein signifikant größeres Bündel von kardiovaskulären Risikofaktoren verglichen mit Vegetariern, einschließlich höherem BMI, höherem Taille-Hüft-Verhältnis, höherem Blutdruck, höherer Cholsterinblutkonzentration, höheren Triacylgycerol- und LDL-C-Werte, höherer Lipoprotein(a)-Konzentration, höherer Plasma-Faktor-VII-Aktivität, höherem TC/HDL-C-Verhältnis, höheren LDL-C/HDL-C-, sowie TAG/HDL-C- und Serum-Ferritin-Werten.

    Ohne das im Einzelnen näher zu erklären, reicht es zu wissen, dass das alles nicht gut ist.

    Und was sagt er nun zu Vegetariern (bzw. Veganern) wegen ihrer vermutlich geringeren Omega-3-Aufnahme? Ebenfalls aus der Zusammenfassung:
    Es wird vorschlagen, dass Vegetarier, besonders Veganer, über ihre Nahrungsaufnahme mehr Omega-3-Fettsäuren und Vitamin B12 einnehmen.

    B12 wird vernünftigerweise ohnehin supplementiert und Omega-3-Fettsäuren finden sich in z.B. Walnüssen, Sojaprodukten, Rapsöl, Leinenöl, Hanfsamen und Hanföl.

    Dumm wie Brot?
    Dumm wie Brot?
    Das Ergebnis lautet mit anderen Worten: Omnivoren haben ein, wie er schreibt, Bündel von Risikofaktoren und Veganer sollten darauf achten, öfter bestimmte Pflanzenöle zu konsumieren. Aber daraus lässt sich aber nichts machen, weiß die Presse. Also greift sie zur gleichen Methode wie bei der Kalzium-Studie: ein Detail wird herausgegriffen und aufgebauscht. Das klingt dann etwa so: "Haben Veganer ein schwaches Herz?" (experto.de) und "Vegane Ernährung schlecht fürs Herz?" (diabetes-ratgeber.net) lauten zwei suggestive Fragen, deren Antwort Ja sein soll. Reißerisch wird es bei der SZ mit "Auf zu viel verzichtet", die warnt, dass der "totale Verzicht auf tierische Produkte gefährlich werden" kann. Lediglich die dpa-Meldung "Veganer müssen vorbeugen" erwähnt überhaupt die oben zitierten Zeilen zu den Risiken bei einer omnivoren Ernährung, die immerhin in der vorangestellten und online problemlos auffindbaren Zusammenfassung der Studie stehen (und nochmals am Ende), nicht versteckt in irgendeiner Fußnote. Die anderen drei Artikel halten den Hinweis darauf, dass Li lediglich auf einen möglichen Nachteil des Veganismus hingewiesen hat, aber Unveganismus stark kritisierte, für nicht erwähnenswert. Zu dumm, um richtig zu lesen oder nur unwillig?

    Veganer sind Veganer

    Auf der Seite der Wissenschaftler (oder Autoren, die einen Anspruch in diese Richtung haben) sieht es beim Umgang mit Fakten manchmal nicht viel besser aus als bei der schreibenden Zunft. Eine der Voraussetzung für das wissenschaftliche Arbeiten ist Exaktheit. Einem Chemiker kann es nicht egal sein, ob seine Probe verunreinigt ist, da die Resultate ansonsten unbrauchbar sind. Und bei allen fängt die Exaktheit bereits bei den Begriffen an. Ein Ethnologe, der Indianer erforschen will und zu den Indern fährt, würde sich lächerlich machen.

    Fast normal erscheint es schon, verschiedene Ernährungsweisen zu mischen, vor allem wenn dies im Diente des antiveganen Ressentiments geschieht. Besonders beliebt ist es, Makrobiotiker, Rohköstler und ähnliche zu Veganern zu machen. Entweder von den Wissenschaftlern selbst oder von anderen Autoren, die sich auf Studien beziehen. Wahrscheinlich glauben einige, dass das irgendwie dasselbe sei. Um nur zwei Beispiele zu nennen:

    Rianne Baatenburg de Jong et al. veröffentlichten 2005 einen Artikel im European Journal of Pediatrics unter dem Titel: "Schwerer ernährungsbedingter Vitaminmangel bei einem gestillten Kind einer veganen Mutter."8 Bereits in der Zusammenfassung stellt sich dann heraus, dass es sich bei der Mutter nicht um eine Veganerin, sondern um eine Makrobiotikerin gehandelt.

    Die antivegane Autorin Lierre Keith, die keine Wissenschaftlerin ist, sich aber auf Studien zu beziehen meint, behauptet: "[I]n einer Studie hatten 28% der veganen Kinder Rachitis im Sommer und 55% im Winter."9 Der Titel der Studie, wenn man ihn dann nachschlägt: "Die starke Verbreitung von Rachitis bei Kindern der makrobiotischen Ernährung."10 An einer anderen Stelle zitiert sie selbst unverholen einen Satz mit dem Begriff "makrobiotische Kinder", woraus unschwer ersichtlich ist, dass es sich um Makrobiotiker, nicht um Veganer handelt, obwohl sie hier Veganer kritisiert.11 Entweder hat sie keine Ahnung, dann ist es schlechte Recherche. Oder es ist gezielte Irreführung.

    Denn Makrobiotik (oder eine andere Ernährungslehre) ist weder dasselbe wie Veganismus, noch so ähnlich, dass man vom einen auf das andere schließen könnte. Lassen wir zuerst den Fehler beiseite, dass Veganismus keine Ernährungsform ist, weshalb Studien, die sich nur auf die Ernährung beziehen, von Veganköstlern sprechen müssten. Dann kommen wir zur Feststellung, dass Anhänger der dieser Ernährungslehren sich nicht einmal vegan ernähren. Anhänger der ayurvedischen Ernährung konsumieren in allen drei Varianten (Vata, Pitta und Kapha) Tiermilchprodukte und in zweien Bienenhonig (Vata und Kapha). Makrobiotiker konsumieren Fische, teilweise gesäuerte Tiermilchprodukte und (nach der Acuff-Variante) Eier. Rohköstler konsumieren rohe Produkte, das können auch rohe Tierprodukte wie rohe Hühnereier, rohe Tiermilch oder rohes Fleisch sein. Und Anhänger der Anthroposophie dürfen ohnehin alle Tierprodukte konsumieren.12 Dem aufmerksamen Leser dürfte aufgefallen sein, dass das alles Dinge sind, die in der veganen Ernährung eindeutig nicht vorkommen.

    Nun ist es so, dass ein Anhänger einer dieser Ernährungslehren theoretisch auch diese Tierprodukte weglassen könnte oder sie nur in so geringem Maße konsumiert, dass es ernährungsphysiologisch kaum relevant ist. Deshalb, so denken und handeln augenscheinlich einige Wissenschaftler, könnte eine solche Person trotzdem zur Untersuchung der veganen Ernährung herangezogen werden. Doch auch das ist falsch. Viele dieser Ernährungslehren beinhalten irrationale Einschränkungen wie der fast vollständige Wegfall von Hülsenfrüchten bei fast allen Rohkostformen, da diese vor dem Verzehr erwärmt werden müssten. Damit fehlt ihnen die wichtigste pflanzliche Proteinquelle. Oder der Wegfall von Getreide, Nüssen und Samen bei Rohkost nach Wandmaker, wodurch unter anderem die Nüsse als Fettquelle fehlen. Makrobiotiker vermeiden größtenteils Nachtschattengewächse (Kartoffeln, Tomaten, Paprika, Auberginen) wegen deren "extremem Yin", womit ihnen Quellen für Stärke und Vitamine fehlen. Diese Einschränkungen in Grundnahrungsmitteln (hier: Hülsenfrüchte und Kartoffeln) und weiteren Nahrungsmitteln gibt es bei veganer Ernährung nicht und das kann sich deutlich in den ernährungsphysiologischen Folgen widerspiegeln.

    Genauso wichtig ist zu beachten, dass diese Ernährungsformen oftmals unter unreflektierten Schlagworten wie "Natürlichkeit" Vitamin-B12-Supplementation, die als "künstlich" angesehen wird, ablehnen. Wenn die Vertreter keine oder wenige Tierprodukte konsumieren, fehlt es ihnen dieses Vitamin im Gegensatz zu richtigen Veganern, die mit der Supplementation keine Probleme haben. So wundert es nicht, wenn es sich bei einem B12-Mangel, der angeblich bei einem Veganer festgestellt worden sei, tatsächlich um Rohköstler, Urköstler oder Makrobiotiker gehandelt hat.

    Daraus lässt sich das Offensichtliche schließen: Nur Veganer sind Veganer, alle anderen nicht. Querschlüsse zwischen den Ernährungsformen sind methodisch falsch.

    Unvertretbar?

    War es nur Zufall oder lag es daran, dass Lindsay Allen beim "Forschungsarm" des US-Landwirtschaftsministeriums angestellt ist, dem US Agricultural Research Service's Western Human Nutrition Research Centre? Die von ihr geleitete Studie13 von 2003 verglich vier Gruppen von Kindern, denen zu ihrer üblichen Ernährung zusätzlich Fleisch, Tiermilch und Pflanzenöl gegeben wurde. Das Resultat war, dass die Fleisch-Gruppe sich besser entwickelte als die anderen Gruppen. Ihre Schlussfolgerung, die sie zwei Jahre später gegenüber der Presse mit Bezug auf diese Studie äußerte, lautet: "Es ist unethisch, Kinder vegan zu ernähren."14

    Durchschnittlicher Veganer laut Allen
    Durchschnittlicher Veganer laut Allen
    Wenn man betrachtet, wie sie von den Ergebissen zu dieser Schlussfolgerung kommt, wird man das Gefühl nicht los, dass sie andere für dumm hält. Die Versuchspersonen dieser Studie waren unter- bzw. schlecht ernährte Kinder in Kenia. Veganismus aufgrund von unterernährten Versuchspersonen, die etwas zusätzliches Öl bekommen, zu bewerten, ist so lächerlich, dass nicht verwunderlich ist, weshalb ihr eben zitierter Ausspruch nicht in der Studie selbst steht. Denn das hätten sich die Herausgeber der Fachzeitschrift verbeten. Auch der "Vergleich" der Versuchsgruppen ist nicht weniger lächerlich: Das Pflanzenöl hat bei allen Nährstoffen bis auf Eisen deutlich niedrigere Werte als die anderen beiden Ergänzungen.15 Z.B. bei Protein kaum die Hälfte und bei Zink nur knapp die Hälfte gegenüber Fleisch. Wäre eine wirklich äquivalente Ergänzung genommen worden (z.B. in Form von Hülsenfrüchten), wären die Ergebnisse anders ausgefallen als bei diesem groteskt schiefen Vergleich.

    Vor allem der erste dieser zwei ausgewählten16 Kritikpunkte wurde teilweise auch von der Presse berücksichtigt. Teilweise. Viele plapperten dagegen ohne kritische Hinterfragung Allens Aussage nach. So die Associated Press, deren Meldung bei Yahoo News unter dem Titel "Fleisch ist wichtig für kindliche Entwicklung" wiedergegeben wird, bei der Stuttgarter Zeitung mit dem Untertitel "Veganische [sic!] Ernährung für Kinder unvertretbar" und bei den Oberösterreichischen Nachrichten heißt es: "Vegane Ernährung schadet". Hinweise auf die Umstände der Studie fehlen. Übrig bleibt die Aussage, Veganismus sei schlecht für Kinder.

    Veganismus ist unnatürlich

    Vorurteilsbehaftete Wissenschaftler und Journalisten sind nicht die einzigen, die Veganismus in Verruf bringen. Auch unter angeblichen Veganern (die oftmals, wenn überhaupt, nur Veganköstlern sind) gibt es Personen und Gruppierungen, die esoterischen Ernährungslehren wie den oben genannten anhängen. Die Folge ist, dass sie Kleinkinder mit Mandelmilch ernähren, was selbstverständlich eine Mangelernährung ist, oder die B12-Supplementation als "künstlich" oder "synthetisch" ablehnen,17 was (wiederum gerade bei Kleinkindern) selbstverständlich schnell einen B12-Mangel nach sich zieht.

    Veganismus ist unnatürlich und das ist gut so. Die Natur ist kein Maßstab, weder die Ethik ("Löwen fressen doch auch Antilopen") noch die Ernährung betreffend. Es besteht keine generelle Notwendigkeit, bestimmte Lebensmittel aus anderen als aus ethischen Gründen zu vermeiden. Wenn es Grundnahrungsmittel betrifft, kann die Vermeidung schädlich sein. Und notwendige Supplementation abzulehnen, ist unverantwortlich.

    Der Veganismus ist keine Wunderernährung, die alle gesundheitlichen Probleme löst. Aber er ist – mit etwas Verstand durchgeführt –, gesund und ohne bedeutende Nachteile. Ungeachtet der Versuche mancher Journalisten und ideologischer Wissenschaftler, ihn mit billigen Methoden zu diskreditieren. Und ungeachtet einiger angeblicher Veganer, die unwissenschaftlichen Ernährungslehren anhängen. Denn an einer Hürde scheitert der antiwissenschaftliche Affekt letztendlich immer: den Fakten.

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    Fußnoten
    1 L. T. Ho-Pham, P. L. T. Nguyen, T. T. T. Le, T. A. T. Doan, N. T. Tran, T. A. Le and T. V. Nguyen: Veganism, bone mineral density, and body composition: a study in Buddhist nuns, in: Osteoporosis International 20 (2009), H. 12, 2087–2093.
    2 http://www.garvan.org.au/news-events/news/vegan-buddhist-nuns-have-same-bone-density-as-non-vegetarians.html [30.03.2011].
    3 Duo Li: Chemistry behind Vegetarianism, in: Journal of Agricicultural Food Chemistry 59 (2011), 777–784.
    4 Das ist bei ihm Anm. 36, vgl. Li 2011, a.a.O., 779,2. Es handelt sich um: Duo Li, Madeleine Ball, Melinda Bartlett und Andrew Sinclair: Lipoprotein(a), essential fatty acid status and lipoproteinlipids in female Australian vegetarians, in: Clinical Science 97 (1999), 175–181.
    5 Bei ihm Anm. 37, vgl. Li 2011, a.a.O., 780,1. Es handelt sich um: M.S. Rosell, Z. Lloyd-Wright, P.N. Appleby, T.A. Sanders, N.E. Allen, T.J. Key: Long-chain n-3 polyunsaturated fatty acids in plasma in British meat-eating, vegetarian, and vegan men, in: American Journal of Clinical Nutrition 82 (2005), H. 2, 327–334.
    6 Bei ihm Anm. 35, vgl. Li 2011, a.a.O., 779,2. Es handelt sich um: D. Li, A. Sinclair, N. Mann, A. Turner, M. Ball, F. Kelly, L. Abedin, A. Wilson: The association of diet and thrombotic risk factors in healthy male vegetarians and meat-eaters, in: European Journal of Clinical Nutrition 53 (1999), H. 8, 612–619.
    7 Bei ihm Anm. 38, vgl. Li 2011, a.a.O., 780,1. Es handelt sich um: M. Kornsteiner, I. Singer, I. Elmadfa: Very low n-3 long-chain polyunsaturated fatty acid status in Austrian vegetarians and vegan, in: Annals of nutrition & metabolism 52 (2008), H. 1, 37–47.
    8 Rianne Baatenburg de Jong, Jolita Bekhof, Ruurdjan Roorda and Pieter Zwart: Severe nutritional vitamin deficiency in a breast-fed infant of a vegan mother, in: European Journal of Pediatrics 164 (2005), H. 4, 259–260.
    9 Lierre Keith: The Vegetarian Myth. Food, justice, and sustainability, Flashpoint Press, Crescent City (CA) 2009, 181.
    10 P.C. Dagnelie, J.V.R.A. Vergote, W.A. van Staveren WA: High Prevalence of Rickets in Infants on Macrobiotic Diets, in: American Journal of Clinical Nutrition 51 (1990), 201–208.
    11 Keith, a.a.O., 241.
    12 Klaus Leitzmann, Markus Keller, Andreas Hahn: Alternative Ernährungsformen, 2. überarb. Aufl., Stuttgart 2005, in dieser Reihenfolge: ayurvedisch: 43f. – Makrobiotik: 72, 78 – Rohkost: 124f., 130 – anthroposophisch: 81 (Rudolf Steiner zitierend mit den Worten: "Ich sage überhaupt niemals einem Menschen, ob er den Alkoholgenuß unterlassen soll oder ob er den Alkohol trinken soll, ob er Pflanzen essen oder Fleisch essen soll, sondern ich sage zu dem Menschen: der Alkohol wirkt so und so. Ich stelle ihm einfach dar, wie er wirkt, dann mag er sich entschließen zu trinken oder nicht. Und so mache ich es schließlich auch beim Pflanzen- und Fleischessen.").
    13 Charlotte G. Neumann, Nimrod O. Bwibo, Suzanne P. Murphy, Marian Sigman, Shannon Whaley, Lindsay H. Allen, Donald Guthrie, Robert E. Weiss, and Montague W. Demment: Animal Source Foods Improve Dietary Quality, Micronutrient Status, Growth and Cognitive Function in Kenyan School Children: Background, Study Design and Baseline Findings, in: Journal of Nutrition 133 (2003), H. 11, 3941–3949.
    14 In vielen Artikeln zitiert, u.a. http://www.healthylivingnyc.com/article/117 [01.04.2011].
    15 Vgl. Neumann et al. 2003, a.a.O., 3944,1, Tab. 1.
    16 Dazu kommt auch die fragliche Objektivität. Abgesehen von ihrer Verbindung zum Landwirtschaftsministerium wurde diese Studie gefördert von – Überraschung – dem GL-CRPS ("Global Livestock Collaborative Research and Support Program") und von der "National Cattleman’s Beef Association", vgl. Neumann et al. 2003, 3941,1, Anm. 2.
    17 Der Vorsitzende der Gruppe "vegane gesellschaft e.v." sagte einer Tageszeitung: "Ich finde es wichtig den Leuten zu sagen, dass sie kein synthetisches Vitamin B12 nehmen sollen, sondern aktives B12, das wirklich auch im Speicher landet."* Das ist irreführend, denn "synthetisches" B12 (meist Cyanocobalamin) ist immer aktives, wohingegen "natürliche" pflanzliche Quellen, die propagiert werden,** oft inaktives B12 (Analoga) beinhalten. Näheres siehe hier.
    *) http://blogs.taz.de/tischgespraech/2011/03/14/man_muss_den_menschen_reinen_wein_einschenken/ [14.02.2011].
    **) "Vegane Rohköstler_innen, die auch Wildpflanzen verzehren und ihre Nahrung nie über 42° C erhitzen, leiden jedenfalls so gut wie nie unter einem B12-Mangel." (http://www.vegane-gesellschaft.org/2011/02/13/vegane-gesellschaft-deutschland-antwortet-auf-den-artikel-in-der-suddeutschen-zeitung/ [15.03.2011]). Aussagen darüber, wieso Wildpflanzen B12 enthielten und in welcher Menge, und eine Plausibilisierung für die Behauptung, Rohköstler bekämen keinen B12-Mangel, finden sich dort, wie zu erwarten, nicht.


    Andere Nachweise
    Agence France-Presse-Meldung: 02.09.2009, http://www.google.com/hostednews/afp/article/ALeqM5jCeqkrlehJr_1Je2x5wCgH8MBF_g [30.03.2011].
    n-tv-Artikel: 02.09.2009, http://www.n-tv.de/wissen/koerpergeist/Veganer-mit-schwachen-Knochen-article393972.html [30.03.2011].
    opposingviews.com-Artikel: 06.06.2009, http://www.opposingviews.com/i/vegetarian-diet-leads-to-lower-bone-density [30.03.2011].
    experto.de-Artikel: 10.02.2011, http://www.vnr.de/b2c/gesundheit/krankheiten/herz/haben-veganer-ein-schwaches-herz.html [10.02.2011].
    diabetes-ratgeber.net: 03.03.2011, http://www.diabetes-ratgeber.net/Herzinfarkt/Vegane-Ernaehrung-schlecht-fuers-Herz-103337.html [03.03.2011].
    SZ-Artikel: 03.02.2011, http://www.sueddeutsche.de/wissen/vegane-ernaehrung-auf-zu-viel-verzichtet-1.1055074 [11.02.2011].
    dpa-Meldung: 11.02.2011, http://www.n-tv.de/wissen/Veganer-muessen-vorbeugen-article2591451.html [11.02.2011].
    ap-Meldung: http://de.news.yahoo.com/050303/12/4fxt2.html [04.03.2005, nicht mehr online, Text hier].
    Stuttgarter-Zeitung-Artikel: 03.03.2005, http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/detail.php/886304 [04.03.2005, nicht mehr online, Text hier].
    Oberösterreichischen-Nachrichten-Meldung: 05.03.2005, http://www.nachrichten.at/leben/339051?PHPSESSID=baaf46b1d63d21b08f3b9812c160b7b4 [05.03.2005, nicht mehr online, Text hier].
    Foto Brokkoli: altaripa.sabine / Flickr / CC BY-NC-SA 2.0
    Foto Brot: adactio / Flickr / CC BY 2.0
    Foto Kind: TKnoxB / FLickr / CC BY 2.0



  • Politische Bildung
    Wer sind wir denn?
    Tierrechte und Tierbefreiung in einem ministeriellen Magazin
    Medienberichte, die sich positiv über Veganismus äußern, sind in der Flut der Mangelernährungspropaganda noch immer eher selten, aber immerhin nicht mehr allzu außergewöhnlich.

    Wenn aber ein positiver Artikel über Tierrechte und sogar Tierbefreiung mit Sätzen wie
    Die Gesetzestexte lesen sich, als hätte sie jemand geschrieben, der Tiere zwar ganz gerne isst, aber niemals mitansehen könnte, wie eines von ihnen stirbt.

    Was gebührt dem Tier? So recht scheint sich unsere Gesellschaft nicht entscheiden zu können. Aber auffallend ist, dass sich immer mehr Menschen Gedanken darüber machen, ob es moralisch verantwortbar ist, Tiere massenweise auf brutalste Art zu vernichten, damit an jedem Tag der Woche Fleisch auf dem Tisch steht. [...]

    Wer einen Willen zum Leben hat, sollte nicht von anderen Lebewesen getötet werden[...]

    Es gibt kein Recht des Menschen an anderen Tieren.[...]

    „Sklaverei wird nicht ethisch vertretbarer, indem man die Bedingungen der Sklaven verbessert.“ Es sind solche Sätze, bei denen man schlucken muss. [...]

    Denn was sollte begründen, dass Menschen ihrerseits vor Eingriffen in ihre Freiheit und ihr Leben geschützt sind, aber über das Leben anderer Lebewesen frei verfügen dürfen? [...] Wer Schmerz spüren kann, sollte allein deswegen ein Recht auf Leidensfreiheit und auf körperliche und psychische Unversehrtheit haben. Wer zu Todesangst in der Lage ist, einen Willen zum Leben zeigt, hat ein Recht darauf, dass andere Wesen ihm dieses nicht einfach rauben. Zumindest einsichtige Wesen sollten das nicht tun.

    in einem Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung(!), also einer Behörde des Bundesinnenministeriums, gedruckt wird, ist dies sicher ein deutliches Zeichen, dass wir der der Etablierung einer veganen Gesellschaft ein gutes Stück näher gekommen sind.

    Und auch ein weiterer, eher unscheinbarere Satz des Artikels ist in diesem Zusammenhang bemerkenswert:
    Szenen wie diese haben Stößer zum radikalen Veganer werden lassen.

    Bemerkenswert deshalb, weil der Autor hier irrt: denn vor zwei Jahrzehnten spielten sich "Szenen wie diese", was er und viele andere sich inzwischen nicht mehr vorstellen können, nur im Verborgenen ab - heute dagegen kommt niemand mehr darum herum, das "Wir haben nichts davon gewusst" wird von Tag zu Tag unglaubwürdiger.

  • Vegane Klischees vs. Realität
    Klischees und Stereotypen über Veganer gibt es viele. Veganer seien schlapp, blass und kränklich; humorlos und unzufrieden. Dass diese Klischees nicht stimmen, weiß jeder, der Veganer auch persönlich kennt. Nun gibt es darüberhinaus eine Statistik, die solche Klischees zu widerlegen hilft.

    Dr. Janice Stanger hat für ihre Studie1 2.068 Veganer aus den USA, Kanada, Australien, Großbritannien und anderen Ländern, darunter elf Personen aus Deutschland, befragt. Die Themen waren neben anderen das Wohlbefinden der Veganer, ihre Zufriedenheit mit dem Veganismus und ihre Selbsteinschätzung in unterschiedlichen Bereichen. Die Ergebnisse unterstützen die Vermutung, dass Veganer-Klischees das sind, was sie sind: Klischees. Hier einige Beispiele.

    Veganer sind blass, schwach und kränklich

    Dass Veganismus gesund ist, belegen Studien und Meta-Studien, wie die der ADA, sowie der empirische Fakt langjähriger, völlig gesunder Veganer, inklusive veganer Kinder. Die Ergebnisse von Stangers Studie zeigen, dass sich das auch bemerkbar macht. 68,6% der Befragten sagten aus, dass sich ihre Gesundheit seit der Umstellung verbessert habe. 26,1% waren bereits zuvor sehr gesund und gaben an, dass ihre Gesundheit auf dem gleichen Niveau geblieben sei. Negative gesundheitliche Erfahrungen gemacht zu haben, gaben nur 1,6% an.

    Ob Veganer auch wirklich gesünder sind oder sich nur so fühlen, kann diese Befragung nicht beantworten. Das war, muss man jedoch auch anmerken, auch nicht das Ziel. Stanger leitet daraus ab, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass Veganismus sehr ungesund sei, wenn es viele positive Reaktionen gibt.

    Vegane Ernährung ist eintönig und langweilig

    Veganer mögen ihr Essen
    Veganer mögen ihr Essen
    Dass Veganer Menschen wären, die tapfer ihr Körnermüsli herunterwürgen, um etwas Gutes zu tun, wird selbst von Personen, die Veganismus ablehnend gegenüberstehen, nicht mehr geglaubt. Dieses Klischee war vielleicht vor zwanzig Jahren aktuell. Wenig überraschend ist es daher, dass 96,7% angeben, ihr veganes Essen zu genießen und nicht etwa den Tierprodukten nachtrauern, auf die sie "verzichten müssen", wie die gängig Formulierung lautet. (Richtig wäre: die sie vermeiden.)

    Unter Veganern ist außerdem bekannt, dass sich viele durch ihren Veganismus bewusster dem Essen selbst bzw. der Essenszubereitung zugewendet haben. In der Studie geben 73,4% der Personen an, häufiger selbst zu kochen und mehr Gefallen am Kochen zu finden, seit sie vegan geworden sind.

    Veganismus ist schwierig

    Klischees von Veganern gibt es auch bei Tierschützern und Reformisten. Diese meinen, man solle für Vegetarismus statt Veganismus werben, weil Veganismus "zu schwierig" sei und die Menschen "überfordern" würde. Nicht nur sei es schwierig, sie zum Veganismus zu bringen, sie würden auch nach einiger Zeit wieder damit aufhören, vegan zu leben. Doch weder das Veganwerden, noch das Veganbleiben ist schwierig oder wird so wahrgenommen.

    Veganer sehen Veganismus nicht als schwierig an
    Veganer sehen Veganismus nicht als schwierig an
    Dass vegan zu werden sehr aufwändig sei, fanden nur 10,3% der Befragten. Für den größten Teil (64,5%) bedeutete es nur etwas Aufwand und für 24,9% war es gar gänzlich ohne Aufwand. Vegan zu bleiben ist folglich noch einfacher. Das ist laut der Befragung für 61,2% mühelos und für 35,6% mit nur etwas Aufwand verbunden. Großen Aufwand bedeutet es für gerade einmal 3,2%. Dementsprechend gaben 94,4% an, sie wollten für den Rest ihres Lebens die vegane Ernährung beibehalten.

    Einer der Veganer sagte in diesem Zusammenhang:
    Das einzige, was ich bereue, seit ich vegan geworden bin, ist, dass ich es nicht früher geworden bin. Ich mag es und es ist einfacher, als ich gedacht hätte.


    Ethisches Essen

    Interessant sind auch andere Fakten, die bei der Studie erhoben wurden. Zum Beispiel, welche Reaktionen die befragten Veganer bekommen, wenn sie anderen sagen, dass sie vegan sind. Negative Reaktionen sind insgesamt seltener vertreten. "Feindselige Reaktionen" erlebten 32,2% und "Versuche, diese Person zum Konsum von Tierprodukten zu bringen" 29,9%. Überwiegend sind die positiven Reaktionen. Darunter Neugier (bei 81,2%), Angebote zur Unterstützung des Veganismus (36,2%), Bewunderung (31,0%), Akzeptanz (24,4%) und Freundlichkeit (9,9%).

    Die Hauptmotivation, vegan zu werden, sind hier, wie auch durch andere Untersuchungen nahe gelegt wird, ethische Gründe (für 63,1%). Dagegen ist die Gesundheit, die bei reinen Ernährungsformen meist die Hauptmotivation darstellt, hier zwar der zweitwichtigste Grund, aber mit 22,5% recht abgeschlagen. Die ethische Motivation verstärkt sich noch, wenn die Personen vegan geworden sind. Dann ist für 90,4% das Leid der Tiere zu verringern ein "sehr wichtiger" Faktor vegan zu bleiben.

    Aber: Veganismus ist keine Ernährungsform

    Negativ fällt jedoch auf, dass von der Studie bisher nur die Endergebnisse online gestellt wurden. Es fehlen Angaben zur Überprüfbarkeit, so z.B., ob bzw. wie viele Personen angaben, vegan zu sein, es aber nicht waren (sondern trotzdem Tierprodukte konsumierten). Für solche Fehlangaben kann man die Wissenschaftler nicht verantwortlich machen, aber es wäre wichtig gewesen zu wissen, ob Überprüfungsfragen gestellt und solche Personen wieder aussortiert wurden oder mit einbezogen.

    Ein wenig irritierend sind auch einige Formulierungen wie "rein pflanzliche Ernährung" – wobei dagegen auch mehrmals "vegane Ernährung" verwendet wird. Einheitlichkeit (zugunsten der zweiten Formulierung) wäre wünschenswert. Zudem wäre es vorteilhaft gewesen, die Studie gleich auf den gesamten Veganismus auszudehnen und nicht nur die Ernährungsseite zu beschränken. Die Ergebnisse wären vermutlich teilweise etwas anders ausgefallen, z.B. hinsichtlich der Motivation, die bei Veganern ausschießlich ethisch ist, während nur Veganköstler gesundheitlich motiviert sind. Unerheblich ist dagegen, dass Veganismus sich zu Gewichtsabnahme eignet, wie hier auch herausgestellt wird. Dies hängt außerdem von der konkreten Ernährungsweise ab, denn Veganismus ist keine Verpflichtung zu fettarmer Ernährung und sportlicher Aktivität, auch wenn dies häufiger der Fall ist als beim unveganen Durchschnitt.

    Dennoch wurde ein Beitrag geleistet, Klischees zu begegnen. Denn in der Realität, fühlen sich Veganer gesund (und sind es meist auch), mögen ihr Essen und finden Veganismus kaum aufwändiger als Unveganismus. Und das, obwohl Veganismus in einer unveganen Gesellschaft nicht gerade gefördert wird.


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    Nachweise

    1 Janice Stanger: Vegan from the inside, http://perfectformuladiet.com/resources/vegan-from-the-inside/ [14.03.2011].



  • Die Angst vor der Konsequenz
    Was hat sie nur angerichtet? Karen Duve schreibt ein Buch über das Essen und macht den entscheidenden Fehler, den Veganismus als einzig ethisch konsequente Lebensweise zu benennen. Das Feuilleton ist gar nicht begeistert und auch zwei große deutsche Zeitschriften sehen sich ungewollt mit diesem Thema konfrontiert.

    Dabei fing alles so harmlos an. Jonathan Foers "Tiere essen" wurde Mitte 2010 ins Deutsche übersetzt und erntete, erwartungsgemäß, fast nur Zustimmung. Denn sein Buch ist ein "Plädoyer gegen die Massentierhaltung", und gegen "Massentierhaltung" ist schließlich jeder; Kritik bekam er nur für offensichtliche Fehler. Die Forderung lautet, den "Fleischkonsum" etwas "einzuschränken". Wie viel Einschränkung ist jedem selbst überlassen und nicht mehr 88 Kilo im Jahr, sondern nur noch 87 Kilo zu essen, ist auch eine "Einschränkung".

    Anständig Tierprodukte essen?

    Und dann das. Karen Duve, genauso ein bisher eher unpolitischer Belletristik-Autor, schreibt "Anständig essen" und kritisiert dort in ähnlicher Weise das Ernährungsverhalten. Kennen wir schon, denkt das Feuilleton. Doch etwas ist neu: sie kritisiert den Tierproduktkonsum insgesamt und lässt keinen Ausweg über "Bio-Fleisch" oder Vegetarismus, und schlimmer noch: sie zeigt, dass Veganismus nicht nur notwendig, sondern auch noch problemlos möglich ist.

    Igitt, veganes Essen.
    Igitt, veganes Essen.
    Da war Foer ein angenehmerer Zeitgenosse, hatte er wenigstens den Anstand, Tierprodukte wie Tiermilch oder Eier nicht zu erwähnen. Hätte er doch wie Duve unweigerlich zur Schlussfolgerung kommen müssen, dass es keinen signifikanten ethischen Unterschied zwischen Tierausbeutung für omnivore und vegetarische Tierprodukte gibt. Zudem machte und macht er immer wieder deutlich, dass er rein gar nichts von Konsequenz hält. Nachdem er in Interviews darauf hingewiesen wurde, musste er diesen offensichtlichen Widerspruch eingestehen und befindet sich daher inzwischen "auf dem Weg zum Veganismus". Inzwischen heißt: seit mehr als einem Jahr.

    Wer Duves Buch (oder nur ein paar Rezensionen) gelesen hat, weiß, dass sie genau genommen nicht einmal Forderungen aufstellt, sondern nur empfehlende Selbstverpflichtungen, und dass diese auch keinen konsequenten Veganismus beinhalten. Dennoch hat sie mehrmals im Buch, wie auch im letzten Kapitel, das die Selbstverpflichtungen enthält, keinen Zweifel daran gelassen, dass nur Veganismus ethisch konsequent wäre. Alle, die mit Foers und Duves "Dann bin ich eben inkonsequent"-Haltung nicht so glücklich sind, haben nun ein Problem.

    Die Welt der Oberideologen

    Das Feuilleton reagierte entsprechend ungehalten. Auf den Schlips (in diesem Fall: die Gabel) getreten fühlt sich vor allem die "Welt". Gleich zwei Rezensionen wurden dort ins Feld geschickt, um der Gefahr zu begegnen. Einmal darf sich Eckhard Fuhr austoben, der wohl auch noch nicht richtig verdaut hat, dass der Deutsche Presserat ihm vor sechs Jahren eine Rüge wegen seiner Antiveganismushetze erteilt hat. Umso kräftiger teilt er nun aus und dafür müssen schon doppelte Superlative her: "Sie bestieg die höchsten Gipfel einer absoluten Moral. Dort oben ist die Luft zum Leben zu dünn beziehungsweise die Suppe zu fad."

    Man grübelt, ob Suppen mit steigender Höhe tatsächlich fader werden. Aber wir wollen uns nicht in Details versteigen, denn es geht weiter. Vor allem Achim Stößer, den "Oberideologen der Veganer", kann er ganz und gar nicht leiden.
    Stößers lässig hingeschlenzter Blödsinnssatz "Auch Vegetarier sind Mörder" lässt ihr allerdings keine Ruhe. Mit seiner geölten Unbedingtheit scheint der Mann sie zu beeindrucken. Warum nur kann sie nicht so konsequent sein? Dass sie es nicht kann, rettet sie, jedenfalls als Menschen, mit dem man angenehm und angeregt ein paar Stunden verbringen kann.

    Ihre Inkonsequenz "rettet sie". Glück gehabt, hätte man doch fast noch eine Person an die bösen Veganer verloren.

    Mit denen ist es ein harter Kampf, aber die "Welt" schlägt sich tapfer und Solveig Rathenow darf mit ihrer Rezension noch einmal nachlegen: "Die Aussage des Buches ist simpel: Tiere sind auf einer Stufe mit Menschen." Da ist es wieder, das Totschlagargument: eine Stufe! Himmel hilf! Wer das steigern will schreibt übrigens von der "gleichen" Stufe, auf die "Mensch und Tier" gestellt würden. Das macht die Sache noch etwas dramatischer. Schließlich ist doch keine Stufe breit genug für alle. Daher müssen die anderen Tiere wohl doch auf den unteren Stufen bleiben, schließlich wollte niemand behaupten, die Menschen hätten sich dorthin hinabzubegeben. – Aber liebe "Welt", so schlimm ist es gar nicht. Von der "gleichen Stufe" hat doch niemand gesprochen. Die Gleichberechtigung in den Grundrechten schließt die Ungleichberechtigung in den weiterführenden Rechten nicht aus. Aber da ich einsehe, dass diese Differenzierung das schöne "Gleiche Stufe!"-Argument kaputt machen würde, bin ich nachsichtig.

    Dass Duve zu weit geht, ist auch Rathenow klar. "Das eigene Pferd aus ethischen Gründen nicht zu reiten, würden viele eher als Tierquälerei denn als Befreiung des Tieres ansehen." Nunja, "viele" haben auch die Befreiung der Sklaven über die Jahrhunderte hinweg immer wieder damit kritisiert, diese würden von der neuen Freiheit überfordert. Mancher mag daher heute wissen, dass das, was "viele" denken, nicht unbedingt das Richtige ist.

    Ein Trostpflaster wird den "Welt"-Lesern am Schluss der Rezension geboten.
    Wo sie das nächste Taxi finden würde? Etwas überrascht, verweist man auf die S-Bahn, die direkt an den gewünschten Ort bringen würde. Ja, aber sie habe es eilig. Auf das Buch über umweltfreundliche Transportmittel scheint man noch warten zu müssen.

    Und wieder Glück gehabt, doch noch einen moralischen Makel gefunden (und breitgetreten). Es wäre auch unerträglich gewesen, würde man nicht irgendeinen Vorwand haben, um Duves ethische Ratschläge zurückweisen zu können. Konsequenz ist tödlich für das träge Gehirn, müsste man doch feststellen, dass einen selbst nichts daran hindert, sich so zu verhalten.

    Die Logik der Veganer

    Nicht auf Duves Buch direkt, auch wenn es mehrfach erwähnt wird, beziehen sich die Artikel über Vegetarismus im "Spiegel" (Nr. 3/2011) und im "Stern" (Nr. 4/2011). Im letzteren ist es das Titelthema der Ausgabe. Das gemeinsame Problem, das die Magazine haben, ist nun, dass man keine längeren Artikel über Vegetarismus als ethische Entscheidung mehr schreiben kann, ohne den Veganismus irgendwie zu erwähnen. Er ist im öffentlichen Bewusstsein und der Journalist gezwungen, Stellung zu beziehen.

    Auf welcher Seite Stellung bezogen wird, ist nun keine ernsthafte Frage. Der "Spiegel" setzt sich folgendermaßen mit den Menschen auseinander, die die Ethik zuende denken.
    An Eiern klebt Blut. Wenn auch nicht immer so offen­sicht­lich wie hier.
    Veganer sind die Konsequentesten der Bewegung. Manche von ihnen nehmen es sich allerdings heraus, Ovo-Veggies als "Massenmörder" zu beschimpfen – weil die Eier essen. Die Anklage der Veganer: Wer Eier verzehrt, unterstützt die tierfeindliche Hühnerproduktion. Denn nach dem Schlüpfen werden nahezu alle männlichen Legerassenküken zu Tiermehl geschreddert. Kauft niemand mehr Hühner oder Eier, so die Logik der Veganer, bricht der Markt zusammen.

    Damit ist der Absatz beendet, wer hier also noch irgendwelche Erläuterungen sucht, wieso diese "Logik der Veganer" falsch ist (oder wenigsten nichts umsetzbar), wird nicht fündig. Argumentation wird ersetzt durch viele böse Worte. So sind Veganer die, die andere "beschimpfen" (auch noch die armen "Veggies") und "anklagen" und wollen, dass "der Markt" "zusammenbricht". Viel Deutlichkeit von dieser Perspektive, von der anderen nicht, wird doch gekonnt verschwiegen, dass die männlichen Küken vor der Verarbeitung zu Tiermehl vermuster oder vergast werden. Denn gerade beim zweiten Wort würden sich unangenehme Assoziationen bei den Eieressen einstellen und das muss vermieden werden.

    Nützliche Idioten, die sekundieren, sind schnell gefunden. Auf die Aussage im Interview des gleichen Artikels:
    Manche von Ihnen [sic, gemeint sind: Veganer] sagen: Vegetarier sind Mörder, wenn sie zum Beispiel Eier essen – weil in den Zuchtbetrieben für Legehennen alle männlichen Küken vergast oder lebend geschreddert und zu Tierfutter verarbeitet werden.

    antwortet der Vegetarier Helmut Kaplan:
    Ich halte die moralische Verurteilung des Vegetarismus für kontraproduktiv. Damit macht man kaum jemanden zum Veganer, verhindert aber viele Vegetarier.

    Die vegane Gesellschaft solle natürlich "das Ziel" sein, so Kaplan weiter. Bei dieser Methode jedoch ein sehr fernes Ziel und die unveganen Leser können wieder beruhigt sein.

    Kein Leder und kein Eisen

    Auch im "Stern", dort wohlgemerkt das Titelthema, wird die hier nicht einseitige, aber fehlerhafte Berichterstattung vorgezogen.
    Veganern, die Puristen unter den Vegetariern, essen ausschließlich Pflanzen. Sie trinken und tragen auch nichts, was vom Tier stammt. Nicht einmal Lederschuhe.

    Nun, wer "nicht einmal Lederschuhe" trägt, muss wirklich spinnen. Da es der allgemeinen Erfahrung entspricht, dass es keine Schuhe gibt, die nicht aus Leder gemacht sind, laufen Veganer, diese "Puristen", folglich ganzjährig barfuß herum. Wie gesagt: Spinner.

    Das sind sie erst recht, da "wichtige Nährstoffe [fehlen]", wie der "Stern" weiter zu berichten weiß, und zwar Eisen und Vitamin B12. Nunja, nicht ganz: Eisen fehlt Vegetariern, da Tiermilchprodukte die Eisenresorption stören, aber nicht Veganern, die bekanntermaßen keine Tiermilch konsumieren. Aber gut, immerhin beim B12 ist die Aussage nicht völlig falsch. Richtig wäre jedoch: in Pflanzen kommt kein B12 vor. Das heißt aber nicht, dass es in veganen Nahrungsmitteln (die nicht pflanzlich sein müssen) nicht enthalten wäre (dort ist es oft zugesetzt) und erst recht nicht, dass es Veganern fehle. Abstrus wird es kurz darauf: "Und Kompensation [des "B12-Mangels"] verbietet er sich." Dieser "er" ist "der Veganer", denn Veganer, so wird Leitzmann zitert, sind "oft so stur [..], dass sie aus ideologischen Gründen keine Nahrungsergänzungsmittel anrühren".

    Der Laie staunt, der Fachmann wundert sich. Zum einen: welche "ideologischen" Gründe sollen das sein? B12 wird von Mikroorganismen gebildet, ist also kein Tierprodukt. Zum anderen: B12-Supplementation wird von jeder seriösen Internetseite über Veganismus nahegelegt, sodass man sich fragen muss, wie lange der "Stern"-Autor und Leitzmann im Internet gewühlt haben müssen, um Seiten oder Veganer (Veganer, nicht Rohköstler oder Makrobioten) zu finden, die das nicht tun. Wahrscheinlich gar nicht, das wäre ja Recherche gewesen und damit ein unverhältnismäßiger Aufwand, wo man das Thema Veganismus doch nur schnell abhandeln will, um es wieder vom Tisch zu haben.

    Kein Zweifel

    Die Medienlandschaft kann einem leid tun. Während sie sich gerade mit dem Vegetarismus ein wenig angefreundet hatte, muss sie schon hören, dass das nicht reicht. Duves Buch hat zu dieser Erkenntnis sicherlich beigetragen und das Wissen um das ethisch Bessere lässt sich jetzt nicht mehr verdrängen, selbst wenn die Autorin dies nicht konkret fordert. Um trotzdem weiterzuleben wie bisher, müssten Gegenargumente gefunden werden und die sind rar, gute Gegenargumente bereits nicht mehr existent. Das ist die Angst vor der Konsequenz, denn ohne stichhaltige Gegenargumente, müsste man sie umsetzen.

    Oder wie Duve es formulierte:
    Es genügt allein, dass sie [die Veganer] existieren. Sie sind der lebende Beweis dafür, dass eine anständige und gewaltfreie Lebensweise möglich und so schwer dann nun auch wieder nicht ist, und das macht mir meine eigene Charakterlosigkeit schmerzlich bewusst. Daran, dass sie vegane Lebensweise die einzig ethisch konsequente Haltung ist, daran habe ich inzwischen keinen Zweifel mehr.



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    Nachweise

    Foer seit einem Jahr auf dem Weg zum Veganer: Johanna Adorján: Schluss mit Schnitzeljagd, in: F.A.Z., http://www.faz.net/s/RubD3A1C56FC2F14794AA21336F72054101/Doc~E01E351B83DE24A6788C49C95E5688246~ATpl~Ecommon~Scontent.html [30.12.2010].
    Erste "Welt"-Rezension: Eckhard Fuhr: Moralischer Hausputz, in: Die Welt, http://www.welt.de/​print/die_welt/vermischtes/article11911621/Moralischer-Hausputz.html [31.12.2010].
    Zweite "Welt"-Rezension: Solveig Rathenow: Fleisch oder nicht Fleisch, in: Die Welt, http://www.welt.de/​print/welt_kompakt/kultur/article11911215/Fleisch-oder-nicht-Fleisch.html [31.12.2010].
    "Spiegel"-Artikel: Carten Holm: Eine Welt ohne Wurst, in: Der Spiegel, 3/2011, 40-47.
    "Stern"-Artikel: Nicolas Büchse, Kuno Kruse: Sind Vegetarier die besseren Menschen?, in: Stern, 4/2011, 68-82.
    Zitat aus "Anständig Essen": Karen Duve: Anständig Essen. Ein Selbstversuch, Berlin 2011, S. 182.



  • Blutige Idylle
    Eine "neue Bewegung" sei es. Es sind Organisationen wie "Bauernhöfe statt Agrarfabriken", die sich gegen die Massentierhaltung aussprechen und für mehr Tierschutz einsetzen. Über diese Bewegung wird behauptet, sie erhebe Foers Buch Tiere essen, das zu "bewussterem Fleischkonsum" (O-Ton) aufruft, zum "Manifest". Von außen werden sie als gute Bürger proträtiert, die um die Bauern (nicht: Landwirte) und deren Existenz besorgt sind und natürlich auch um die Tiere. Denen gehe es in den "Agrarfabriken" schlecht und sie hätten es auf Bauernhöfen – wie auch immer die aussehen sollen – besser.
    Die Gegner antworten, die Höhe des Tierschutzes hänge nicht von der Anzahl der Tiere bzw. der Größe des Betriebs ab. Auch bei großen Betrieben könne es den Tieren gut gehen und auch in kleinen Betrieben komme es nicht selten zu Verstößen gegen das Tierschutzgesetz. Man müsse nicht die Anzahl der Tiere pro Betrieb verringern, sondern nur die Betriebe entsprechend den Tierschutzvorgaben bauen und dann hätten es die Tiere gut.

    Sie liegen beide falsch.

    Das Problem an der Massentierhaltung ist nicht der erste Wortbestandteil, sondern der zweite. Der erste Wortbestandteil ist willkürlich. Ab welcher Anzahl fängt "Massentierhaltung" an? Wenn man bedenkt, dass die natürliche Gruppegröße von Hühnern bei acht Tieren liegt, ist eine sog. Biohaltung mit 10.000 Tieren oder eine sog. Freilandhaltung mit 3.000 Tieren schon lange eine Massentierhaltung. Bauernhöfe mit acht Hühnern, die den deutschen Eikonsum zu decken versuchen, wird es nicht geben.

    Der schöne Tod.
    Totes Huhn in "Alternativhaltung". Ist sicher glücklich gestorben.
    Doch besser geht es den Tieren sicherlich, so der Einwand. Auch hier Enttäuschung. Biohaltung bezieht sich in erster Linie auf die Nahrung, die bio sein soll. Das bedeutet, dass die Tiere gesünder sterben. Ob das ein Trost ist? Wenn ein Schwein im Schlachtraum steht und durch den Geruch der ausblutenden Artgenossen in Panik gerät, wird es aller Wahrscheinlichkeit nach nicht durch den Gedanken beruhigt, dass seine Nahrung die Biorichtlinien erfüllt hat. "Alternative" Haltungsformen wiederum bedeuten, dass die Ställe anders aufgebaut sind. Das heißt nicht, dass die Tiere nicht leiden würden, sondern nur, dass sie anderes leiden. Dank der unermüdlichen Arbeit von Tierschutzorganisationen dürfen sich Hühner, seit die Legebatterien verboten wurden, darüber freuen, ein wenig mehr Platz zu haben. Mehr Platz für mehr Kannibalismus, mehr Infektionskrankheiten, mehr Parasiten, mehr Lungenkrankheiten durch mehr Ammoniakbelastung, letztlich: mehr Platz für mehr Tote (denn die Todesraten sind in sog. Boden- und Freilandhaltungen höher).1 Neue Videoaufnahmen aus "Alternativhaltungen" zeigen, dass der Unterschied auch des äußeren Zustands der Tiere im Vergleich zu Käfighaltung verschwindend gering ist. Die Bilder zeigen fast federlose Hühner, verwesende Leichen, offene Wunden. "Alternativ" daran ist nur die Methode des Quälens, nicht das Prinzip. Das Prinzip lautet weiterhin: Tiere sind nutzbare Maschinen. Das gilt unabhängig davon, wieviele Quadratzentimeter Platz, wieviel "Auslauf" oder welche Nahrung sie bekommen.

    Organisationen wie "Bauernhöfe statt Agrarfabriken" geht es vornehmlich um eines: an der Tierausbeutung festzuhalten. Es ist nicht nur die Bewegung gegen die Massentierhaltung, sondern auch die Bewegung gegen Tierrechtler und Veganer. Die bezeichnen es nämlich als absurd, die Versklavung von Tieren "verbessern" zu wollen. Was ethisch falsch ist, gehört abgeschafft. Das Positionspapier Massentierhaltungsgegner verrät dagegen, wofür sie stehen: "Für eine zukunftsfähige und nachhaltige Nutztierhaltung".2 Was danach kommt ("auf bäuerlichen Betrieben – gegen Agrarfabriken!"), ist nur Anhang. Der Grundsatz ist die Haltung von "Nutz-Tieren", die nicht nur so heißen, sondern entsprechend behandelt werden. Und wer nutzt, muss verwerten und entsorgen. Auch auf Tiere von sog. Bauernhöfen wartet am Ende der Stahlbolzen oder das Gas oder der Strom und danach: das Messer. Auch hinter der romantischen Bauernhofidylle verbirgt sich ein blutiges Geschäft.

    Die zentrale Frage der Ethik ist der Tod, nicht das Leiden. Das sehen wir bei Diskussionen um Sterbehilfe. Niemand plädiert dafür, dass assistiertes Sterben schnell und schmerzlos gehen müsse. Das ist selbstverständlich. Diskutiert wird über das Ob, nicht über das Wie. Das Tötungsverbot ist in der Humanethik ein "fundamentales und unaufgebbares moralischs Prinzip" (J. Ach). Eine Person zu töten, selbst wenn sie offensichtlich nur noch leidet, bedarf umfassender Begründung – wenn diese Person ein Mensch ist. In der Ethik über nichtmenschliche Tiere gilt es dagegen als radikal, wenn Tieren ein Lebensrecht zugesprochen wird. Die Tierschützer – die nicht die Tiere schützen, sondern die menschlichen Interessen an ihnen – und die Massentierhaltungsgegner versuchen diese Frage immer noch auf dem Kopf stehend zu beantworten und präsentieren als "Lösungen" für die ethische Frage kleinere Ställe und "schonendes Schlachten". Auf dem Kopf stehend, denn sie beantworten nicht die Frage, ob man Tiere einsperren und töten darf, sondern nur wie. Eine Rechtfertigung dafür geben sie bei all ihren Protesten gegen die Massentierhaltung nicht.

    "Bauernhöfe statt Agrarfabriken" ist eine falsche Alternative. Die richtige lautet "Veganismus statt Tierausbeutung". Denn im Schlachthaus sind tote Bio-Tiere und tote Bauernhof-Tiere vor allem eines: tote Tiere.



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    1 Ausführliche Quellen in: Der größte Sieg des Tierschutzes – Das Verbot der Legebatterien und seine Folgen [26.11.2010].
    2 bauernhoefe-statt-agrarfabriken.de/positionspapier [26.11.2010].



  • Spiegelbild der Ethik
    Letztes Jahr machte die Nachricht die Runde, dass Schweine mit Spiegeln umgehen können.1 Sie konnten sie dazu benutzen, um Nahrung zu finden, die nur im Spiegel zu sehen war, ohne das Spiegelbild für real zu halten oder zu ignorieren. Seitdem wird ihnen der Besitz von Bewusstsein, wenn auch noch nicht von Selbst­bewusstsein zugestanden. Damit ihnen Selbst­bewusstsein attestiert würde, müssten sie den Spiegeltest bestehen. Das ist ein Test aus der Verhaltens- und Kognitions­forschung, bei dem die Versuchs­tiere mit einem farbigen Punkt auf der Stirn oder dem Hals markiert werden. Ihnen wird ein Spiegel gegeben und wenn sie mithilfe des Spiegels diese Markierung näher betrachten und sie zu berühren versuchen, beweise das, dass sie ein Bewusstsein davon haben, dass das Spiegelbild sie selbst darstellt. Tiere, die das Spiegelbild ignorieren oder es für ein anderes Tier halten, haben den Test nicht bestanden. Nur einige Arten der Affen, Delfine und Krähen­vögel bestehen bisher diesen Spiegeltest. Alle anderen Spezies gelten nicht als sich selbst bewusst.

    Schweine
    Sind so intelligent, dass sie einen Spiegel benutzen können. In dieser Situation hilft ihnen das wenig.
    Während wiederholt damit argumentiert wurde (und wird), nicht­menschliche Tiere verdienten keine Rechte, weil sie – anders als Menschen – kein Selbst­bewusstsein besäßen, hat diese Entdeckung den Affen und den anderen Spezies in der Praxis bisher wenig genützt. Affen sterben in Labors, Delfine im Fischfang und Krähen als "Schädlinge". Auch den Schweinen hat das Zugestehen eines Bewusst­seins nichts gebracht. Weiterhin werden über 50 Millionen jedes Jahr allein in Deutschland getötet. Hunde, die in dieser Hinsicht nicht so intelligent sind wie Schweine, werden dagegen meistens verhätschelt. Gegen diesen Test und die Selbst­erkenntnis als Kriterium für ethische Berücks­ichtung spricht aber nicht nur seine offenkundige Wirkungs­losigkeit auf das ethische Verhalten der Menschen – oder genauer gesagt, seine einseitige Wirkung: denn zum Absprechen von Rechten reicht es offenbar –, sondern auch mehrere methodische Schwächen.

    Eine aktuelle Studie unter der Leitung von Luis Populin hat erneut diese Schwächen und die Fehler­haftig­keit des Tests belegt.2 Bei Makaken (Rhesus­affen) ging man bisher davon aus, dass sie kein Selbst­bewusstsein besäßen, da sie den Spiegeltest nicht bestanden. Das passte ins Weltbild, denn Menschen­affen (Primaten) wie Schimpansen oder Orang-Utans bestehen den Test, Makaken gehören dagegen nicht zu den Primaten, sondern zu den "weniger hoch entwickelten" Affenarten. Bei dem Experiment von Populin, das eigentlich nicht diese Fähigkeit untersuchen sollte, haben die Makaken Elektroden, die auf ihrem Kopf befestigt wurden, mithilfe eines Spiegels näher betrachtet, das Fell darum gesäubert und teilweise den Spiegel in die Hände genommen und so gehalten, dass sie sich besser betrachten können. Dass sie beim klassischen Markierungs­test durchgefallen sind, hat zu einer falschen Schluss­folgerung über ihre Fähigkeit zu Selbst­erkenntnis geführt, die sie, wie man nun weiß, doch besitzen.

    Damit plädiere ich jedoch nicht dafür, dass man den Test nur verfeinern und weiterhin anwenden sollte, denn das gesamte Konzept ist an sich fehlerhaft. Genauer gesagt, es ist anthropo­zentrisch. Während Menschen ca. 80 Prozent ihrer Sinnes­wahrnehmung über die Augen beziehen, sind andere Spezies nicht so stark auf den visuellen Sinn fixiert. Die Wieder­erkennung mit einem Spiegel zu testen ist rein visuell und bei Menschen daher sinnvoll. Bei Hunden spielt dagegen der Geruchssinn eine größere Rolle, bei Katzen das Gehör usw. Manche Spezies sind (visuell) praktisch blind, wie Maulwürfe und Fleder­mäuse. Sie würden schon aus formalen Kritieren diesen Test nie bestehen können. Würde die Fähigkeit der Selbst­erkenntnis bei Menschen durch Gerüche, Geräusche oder – analog zu Fledermäusen – über Ultraschall bestimmt, würden Menschen oft, im letzten Fall grundsätzlich, durchfallen.
    Man könnte nun einwenden, dann solle man für Hunde eben einen Geruchs­test entwickeln, für Katzen eine Hörtest usw. Gegen den Versuch einer weiteren Verbesserung spricht Makaken-Experiment. Denn obwohl Makaken, was ihre Fixierung auf das Visuelle betrifft, dem Menschen und anderen Menschen­affen, die den klassischen Markierungs­test bestehen, sehr ähnlich sind, hat der visuelle Test zu einem falschen Ergebnis geführt. Wie der Studienleiter (der sich letztlich trotzdem für die Verbesserung des Tests ausspricht) sagt: "Denn es scheint möglich, dass diese Tiere über ein Bewusstsein ihrer selbst verfügen, das sich von unserem Ich-Bewusstsein unterscheidet […]." Mit einem an der menschlichen Form des Selbst­bewusst­seins ausgerichteten Test kann man nicht­menschlichen Tieren nicht gerecht werden.

    Orang-Utan
    Kann sich selbst im Spiegel erkennen. Wobei ihm in dieser Situation das Gitter etwas im Weg wäre.
    Anthropozentrisch ist es auch in einer zweiten Hinsicht. Es wird im Zusammen­hang mit dieser Art von Test behauptet, dass nicht­menschliche Tiere nur dann Rechte erhalten sollten, wenn ihre Fähigkeiten den Fähigkeiten von Menschen ähnlich sind. Umso ähnlicher sie sind, umso mehr Rechte sollten sie haben. Das Problem ist, dass diese Denkweise weiterhin speziesistisch ist. Vergleichen wir es mit Rassismus: In südamerikanischen Ländern gibt es Diskriminierungen aufgrund der Hautfarbe, die Abstufungen kennt. Hier gibt es durch das Nebeneinander von Schwarz­afrikanern, Weißen und Eingeborenen viele sog. Mulatten und Menschen mit anderen Mischungen der Hautfarbe. Rassismus tritt dadurch auf, dass die Menschen teilweise nach ihrer "Hellhäutigkeit" bewertet werden: umso heller die Hautfarbe, desto besser. Das ist Rassismus mit Abstufung, aber es ist immer noch Rassismus. Die Aufwertung nichtmenschlicher Tiere nach dem Grad ihrer Überein­stimmungen mit Menschen ist analog dazu weiterhin speziesistisch. Es schafft nur neue Hierarchien, statt die alten abzubauen.

    Auch bewerten wir die Grundrechte von Menschen nicht nach ihrer Fähigkeit zur Selbst­erkenntnis. Wir bewerten andere Rechte in dieser Weise und dies ist berechtigt. Kleinkinder, die bis zu einem gewissen Alter, und geistig behinderte Menschen, die ab einer gewissen Schwere der Behinderung, nicht die Fähigkeit der Selbst­erkenntnis bzw. keine höhere Rationalität besitzen, haben beispielsweise kein Wahlrecht oder kein Recht auf höhere Schul­bildung, da ihnen die kognitiven Fähigkeiten, diese wahrzunehmen, fehlen. Der Besitz der Grundrechte dagegen ist dieses Kriterium irrelevant. Man darf sie nicht als Organspender oder Versuchsobjekte missbrauchen, nur weil sie sich nicht im Spiegel erkennen oder die Zukunft planen können. Genauso sollten auch nichtmenschliche Tiere nicht nach ihrer Fähigkeit zur Selbst­erkenntnis oder ähnlichen Kriterien bewertet werden. Denn die Ungleich­behandlung in diesem Punkt wäre speziesistisch, es hieße, gegen den Gleichheits­grundsatz zu verstoßen, auf dem jede Ethik beruht. Genauso wie Menschen ohne die Fähigkeit zur Selbst­erkenntnis Grundrechte (wie das Recht auf Leben) haben, darf man auch nicht­menschlichen Tieren konsequenter­weise elementare Rechte nicht absprechen, wenn sie diese Fähigkeit nicht besitzen. Trotz der Abstufungen – Makaken können sich im Spiegel erkennen, Schweine können Spiegel benutzen, Hühner weder das eine noch das andere – haben alle diese Tiere das gleiche Grund­interesse, nicht als Ressource gebraucht zu werden. Und das ist letztlich Grund genug, um sie auch nicht so zu behandeln.
    Ein Spiegel sollte das bleiben, was er ist: ein nützlicher Gegenstand, nicht die Grenze zwischen Leben und Tod.


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    1 Donald M. Broom, Hilana Senaa and Kiera L. Moynihana: Pigs learn what a mirror image represents and use it to obtain information, in: Animal Behaviour Jg. 78 (2009), Nr. 5, 1037-1041.
    2 Jan Lauwereyns, Abigail Z. Rajala, Katharine R. Reininger, Kimberly M. Lancaster, Luis C. Populin. Rhesus Monkeys (Macaca mulatta) Do Recognize Themselves in the Mirror. Implications for the Evolution of Self-Recognition, Vorabveröffentlichung: PLoS ONE (2010), 5 (9): e12865, DOI: 10.1371/journal.pone.0012865.



  • Tötungsraten
    Ein Mädchen in rotem Pullover und weißer Hose steht an einem Fluss und wirft Hundewelpen hinein. Sie nimmt sie einzeln aus einem Eimer, in dem die Welpen teilweise übereinander liegen, und wirft sie in das Wasser, wo man die Hunde aufschlagen sieht. Das Mädchen und der Kameramann lachen dabei. Dieses Video, das seit einigen Tagen durch das Internet kursiert, hat, wie es in den Medien so schön heißt, "eine Welle der Empörung" hervorgerufen. Wenn man nachzählt, sind fünf Welpen innerhalb von vierzig Sekunden, die sie auf diese Weise umbringt (auf die Minute gerechnet wären das siebeneinhalb). Die ganze Aufregung kann ich nicht verstehen.

    Video-Ausschnitt
    Video-Ausschnitt. Wären Schweine in dem Eimer, statt Hunden, wäre die Aufregung nur halb so groß.
    Die Internetgemeinde verbreitet das Video, um die Täterin zu identifizieren. So gibt es auf Facebook z.B. die deutsche Gruppe "Findet das Mädchen, das Welpen in den Fluss geschmissen hat". Von den Kommentatoren dort und überall sonst im Internet, wo auf das Video verlinkt wird, liest man oft nicht gerade freundliche Botschaften. Sie hätte die Todesstrafe verdient, man sollte sie selbst in den Fluss werfen oder erschießen, heißt es bei einigen. Wieso eigentlich? Sie tötet Tiere zum puren Vergnügen. Nichts wesentlich anderes machen die Menschen, die täglich Tierprodukte wie "Fleisch", Eier oder Tiermilch konsumieren. Für all diese Produkte, werden zwangsläufig Tiere getötet. Eine bessere Rechtfertigung als das bloße Geschmackserlebnis, für das die Konsumenten den Tod der Tiere in Kauf nehmen, gibt es nicht. Von dem Unterschied abgesehen, dass das Mädchen sich die Hände noch selbst schmutzig macht, wohingegen der Durchschnittskonsument andere dafür bezahlt, ist es ethisch gesehen das gleiche.

    Nicht lange zu warten hatte man auch darauf, dass die populistische Tierschutz-Organisation PETA USA ein Kopfgeld von 2000 Dollar auf Hinweise zu Ergreifung ausgesetzt hat. Das ist genau die Organisation, die jährlich Tausende Katzen und Hunde tötet ("euthanasiert").1 Die Tötungsrate auf die Minute umgerechnet ist nicht ganz so hoch, aber PETA bringt es immerhin noch auf zirka fünf Tiere pro Tag. Wenn man annimmt, dass die Werferin nicht noch weitere Hunde an diesem Tag umgebracht hat, sind beide gleichauf. Da das Mädchen aus Bosnien stammt, hat sie höchstwahrscheinlich wenig Geld zu Verfügung, wohingegen PETA Millionen an Spenden einnimmt und damit noch eher für die Versorgung der Tiere aufkommen könnte, d.h. im Vergleich schlechter dasteht. Darf man also erwarten, dass PETA in Zukunft 2000 Dollar zu Hinweisen auf die Ergreifung der eigenen Mitarbeiter aussetzt?

    Was das Mädchen angeht, würde sie, trotz der offenkundig zur Schau gestellten Mordlust, vom hiesigen Schlachtgewerbe empört zurückwiesen. Viel zu ineffizient. Was sollte ein Schlachthof mit Mitarbeitern, deren Tötungsrate bei gerade einmal siebeneinhalb Tieren pro Minute liegt? Bei Schweinen schaffen moderne Betriebe 10 Tiere pro Minute. Die männlichen Küken, die in einer Brüterei für Legehennen aussortiert werden, weil sie keine Eier legen können, sterben zu zwanzigst pro Minute. Kein Vergleich zum im Bau befindlichen neue "Mega-Schlachthof" in Wietze, wo künftig 450 Hühner pro Minute mit dem Messer Bekanntschaft machen werden. Wohlgemerkt hören diese nicht nach einer Minute auf. Die Welpen-Mörderin bleibt wohl bei fünf am Tag, von den eben erwähnten Betrieben sind es täglich jeweils 4800 Schweine, 10.000 Küken oder 416.000 Hühner.2 Und das ist jeweils nur ein Betrieb, von denen gibt es deutschlandweit Duzende oder Hunderte. In den Schatten gestellt wird das alles nur durch das Töten der Fische. Während man davon ausgeht, dass circa 56 Milliarden Landtiere jährlich sterben, war die Zahl der Fische lange unklar. Eine neue wissenschaftliche Schätzung hat errechnet, dass es irgendetwas zwischen 0,97 und 2,74 Billionen jährlich sind.3 Geht man von einer moderaten Billion aus (das ist eine eins mit zwölf Nullen), ergibt das knapp zwei Millionen pro Minute. Um das zu erreichen, müsste das Mädchen minütlich 285 LKW-Ladungen Hundewelpen in einen Fluss entladen.4 Vielleicht wäre das auch eine gute Lösung, denn wie es scheint verhalten sich die Menschen dem Töten von Tieren gegenüber um so gleichgültiger, je mehr es sind.

    Die erwähnten Tötungsraten von Schweinen, Küken, Hühnern und Fischen sind Praktiken, für die gut 99% der empörten Kommentatoren tagtäglich bezahlen. Auch wenn der eine oder andere sich über die Höhe genauso beschweren würde, wären die "Alternativen" noch weit von fünf Tieren pro Tag entfernt. Ein kleiner, "alternativer" Schlachthof tötet vielleicht "nur" 300 Tiere am Tag, doch sind das immer noch sechzig Mal so viele wie die "Hundehasserin". Letztlich kommt fast niemand darauf, dass es keinen ethischen Unterschied gibt, ob man einen Hundewelpen oder ein Schwein tötet, da beides gleichermaßen unnötig ist. Hunde kann man sterilisieren und Menschen können sie vegan ernähren. Wenn das Mädchen gefunden wird,5 sollten die, die sich so ungemein über sie aufregen, aber selbst nicht vegan leben, nicht ihre Bestrafung fordern, sondern ihr einen Metzger-Lehrgang spendieren. Dann kann sie fast die gleiche Tätigkeit weiterhin ausüben – Tiere ohne jede Notwendigkeit zum Vergnügen anderer zu töten. Nur bekäme sie dann von den gleichen Leuten, die sie jetzt beschimpfen, Geld dafür und sicher auch das eine oder andere Dankeswort.



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    1 http://tierrechtsforen.de/peta [04.09.2010]. Zu dem (überraschend späten) Rechtfertigungsversuch, es seien alles nur schwerkranke Tiere, siehe http://tierrechtsforen.de/1/7668/8284 [04.09.2010].
    2 Die ersten beiden Zahlen errechnet anhand eines Achtstundentages. Wahrscheinlich wird aber in den meisten Schlachtbetrieben länger als acht Stunden pro Tag gearbeitet, sodass es nochmals mehr wären, als hier angegeben. Die Zahl für Wietze beruht auf der Angabe, 2,5 Mio. pro Woche (bei einer Sechstagewoche) zu töten.
    3 http://www.fishcount.org.uk/published/standard/fishcountsummaryrptSR.pdf [04.09.2010].
    4 Geht man von zwei Kilo Gewicht der Welpen und einem Ladevermögen eines LKWs (ohne Anhänger) von 14 Tonnen aus.
    5 Angeblich wurde sie inzwischen gefunden und erhält voraussichtlich die Höchststrafe für Tierquälerei: umgerechnet 5000 Euro. Würde sie das Geld nicht für Strafe aufwenden müssen, sondern wäre damit in einen deutschen Supermarkt gegangen, hätte sie damit theoretisch gut 2500 Kilo "Schweinefleisch" kaufen können. Und niemanden hätte es gestört. [Nachtrag, 05.10.2010: Die Behörden vor Ort haben entschieden, dass das Mädchen zu jung sei, um bestraft zu werden. Diese Ausrede funktioniert bei den meisten Tierproduktkonsumenten nicht.]


  • Stierkampfverbot - Ein Grund zum Jubeln?
    In der spanischen Region Katalonien wurde durch eine Parlamentsabstimmung mit knapper Mehrheit der Stierkampf ab 2012 verboten. Die Tierschützer jubeln, ohne die Hintergründe dieses angeblichen "Erfolges" zu beachten. Das hat fatale Folgen.

    Von den vielen Zeitungsmeldungen dazu waren hingegen zumindest einige kritisch.1 Der eigentliche Grund für dieses Verbot, so wird berichtet, ist die Politik. Katalonien hat separatistische Tendenzen und wollte sich "Nation" nennen, was vom Verfassungsgericht vor wenigen Wochen abgelehnt wurde. Es hatte außerdem Kataloniens Autonomiestatus beschnitten. Der Stierkampf wird als etwas National-Spanisches angesehen, daher kam diese Möglichkeit der Abrechnung gelegen. Die aktuell regierende Partei (PSC), die eigentlich stierkampffreundlich war, ist "eingeknickt", weil sie um ihre Wiederwahl fürchten muss, wenn sie nicht anti-spanischen zeigt. Eine ähnliche Tierquälerei, der "Correbous", bei dem Stiere mit brennenden Teerkugeln an der Hörnern durch die Straßen gehetzt werden, sich schwere Verletzungen zuziehen oder an Herzversagen sterben können, wurde nicht verboten, da es nicht als spanisch angesehen wird. Er wurde vom neuen Gesetz ausdrücklich ausgenommen. Wirtschaftlich stand der Stierkampf in Katalonien ohnehin vor dem Ende. Es gab nur noch eine Arena in Barcelona, die 2009 lediglich 18 Stierkämpfe veranstaltet. Mit Tierschutz hatte dieses Verbot also praktisch nichts zu tun.

    "Egal, wodurch es abgeschafft wurde, zumindest werden diese Tiere nicht mehr umgebracht", mag man einwenden. Doch ist es nicht egal, denn so sehr erfreulich es für diese Tiere ist, führen falsche Analysen zu falschen Schlussfolgerungen, in diesem Fall: es wäre durch Tierschutzkampagnen herbeigeführt worden und sei ein signifikanter Erfolg.
    Wie dargelegt war die Tierschutzargumentation lediglich der Vorwand für nationalistische Kleinkämpfe. Dagegen nehmen Aktivisten an, es wäre sinnvoll gewesen, Tausende und Abertausende Personenstunden in die Proteste gegen solch kleine und schwache Randbereiche zu investieren. Die Deklaration als "Tierschutz-Erfolg" (wäre es um Tierschutz gegangen, hätten die Correbous mit abgeschafft werden müssen, statt ausdrücklich ausgenommen zu sein) führt dazu, dass die Aktivisten glauben, diese Kampagnen hätten Wirkung gezeigt und werden in Zukunft weiterhin Energie in Kampagnen gegen Randbereiche investieren, anstatt sich endlich dem Kern des Problems, dem Unveganismus der Menschen, zuzuwenden.
    Daneben ist es auch eine Frage der Effektivität. Und die ist miserabel, wie bei allen Randbereichen. Bei den verbliebenen 18 Stierkämpfen pro Jahr (Tendenz war fallend) werden insgesamt etwa 100 Stiere getötet. Noch einmal: jahrelange Proteste und Abertausende Personenstunden Aktivismus und am Ende rettet man nur 100 Tiere. Soviele Tiere jährlich haben weniger als drei einzelne Nicht-Veganer auf dem Gewissen.2 Weniger als drei einzelne Personen. Wäre alle diese Energie, die für Proteste gegen Stierkampf aufgeboten wurde, in Aufklärung über Veganismus und Tierrechte investiert worden, hätte man mindestens einige Hunderte Menschen vom Veganismus überzeugen können. Nur sechs neue Veganer wären ein doppelt so großer, nur neun ein dreimal so großer Erfolg und bereits mit einem Bruchteil der Aktivität, die in dieses Thema investiert wurde, erreichbar gewesen.

    Verhältnisse der Opferzahlen
    Der genaue Wert bei Stieren beträgt 0,006 Mio. - dennoch kon­zen­trieren sich die meisten Be­müh­ungen auf die­sen statt auf die an­deren Be­rei­che.
    Natürlich war und ist der Stierkampf gerade für Tierschutzorganisationen ein attraktives Ziel, ähnlich wie "Pelz" oder andere Randbereiche. Der Großteil der Bevölkerung lehnt diese Tierausbeutungsformen bereits aus dem einfachen Grund ab, weil er nicht involviert ist. "Pelz" ist als Luxusprodukt verpönt und die Stierkämpfe werden in Katalonien, wie erwähnt, aus nationalistischen Gründen abgelehnt und waren wirtschaftlich fast am Ende. Noch mehr gilt dies für die Kampagnen, die von nicht-spanischen Tierschutzorganisationen betrieben werden, denn im nicht-spanischen Ausland (von Frankreich abgesehen) haben die Menschen erst recht nichts mit Stierkämpfen (oder Walfang oder "Robbenschlachten") zu tun und es fällt ihnen noch wesentlich leichter, es mit Empörung abzulehnen. Mit anderen Worten: die Kampagnen gegen den Stierkampf rennen offene Türen ein, vermitteln den unveganen und empörten Personen das Gefühl, etwas "für die Tiere getan" zu haben, und fördern damit ihre Bigotterie, sich über das Quälen und Töten von Stieren aus purem Vergnüngen zu echauffieren, während sie selbst aus purem Vergnügen (und Bequemlichkeit) Hühner, Rinder, Schweine und andere Tiere für ihre täglichen Mahlzeiten quälen und töten lassen. Dieses Einrennen offener Türen zusammen damit, ein gutes Gewissen zu verschaffen, ist für die Tierschutzorganisationen natürlich eine wunderbare Möglichkeit, um Spenden zu generieren. Den Tieren insgesamt hilft es leider kaum.

    Wie es einer der kritischeren Zeitungsredakteure formulierte:
    So lange wir uns mit der Massentierhaltung abfinden, ist unsere Empörung über die öffentliche Hinrichtung von Kampfstieren nur ein scheinheiliges Entlastungsgefühl. Das beschlossene katalanische Verbot der corridas hat den Tierschutz auf der Welt nur unwesentlich vorangebracht.3


    Für die 100 Stiere ist es ein Tierschutz-Erfolg.4 Für den Aktivismus unter Beachtung der Effektivität ist es eine Katastrophe und ein wenig mehr strategisches Denken ist dringend notwendig, wenn eine vegane Gesellschaft ein realistisches Ziel werden soll. Wahrscheinlich wurden bereits mehr als 100 Tiere allein auf den Siegesfeiern zu diesem "Erfolg" von den Katalanen als Festessen serviert.


    __________
    1 "Katalonien verbietet Stierkampf: Es geht um Politik, nicht Tierschutz" (Spaniens Allgemeine Zeitung, 27.07.2010), "Todesstoß für den Torero?" (Süddeutsche Zeitung, 28.07.2010), "Sie sagten Stierkampf und meinten Madrid" (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.07.2010), "Das Stierkampfverbot ist scheinheilig" (Frankfurter Rundschau, 28.07.2010).
    2 Bei durchschnittlichem Konsum, gemessen an deutschen Verhältnissen. Der spanische Verbrauch ist wesentlich höher als der deutsche (121 kg/Jahr in Spanien, 84 kg/Jahr in Deutschland an "Fleisch"). Insofern sind auch diese Zahlen eher noch zu gering, als zu hoch.
    3 Frankfurter Rundschau, s. Anm. 1.
    4 Da die Corrida-Stiere nach ihrem Tod verzehrt werden, sich die Höhe des "Fleisch"-Konsums durch dieses Verbot jedoch nicht ändert, ändert sich lediglich die Tötungsmethode, nicht die eigentliche Anzahl der Tiere.


  • Das natürliche Hemmnis gegen Gewalt
    Man kann Tierrechte und das daraus resultierende persönliche Verhalten – die vegane Lebensweise – theoretisch begründen. Die Grundlage ist, vereinfacht gesprochen, auf der einen Seite das Gleichheitsprinzip (gleiche Berücksichtigung gleicher Interessen), dessen Einschränkung auf die menschliche Spezies aufgehoben wird, da es keine signifikanten ethischen Unterschiede zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Tieren (die ein Bewusstsein haben) und damit keine Rechtfertigung für diese Einschränkung gibt. Auf der anderen Seite ist es die Überzeugung, dass Leid vermieden werden soll, wenn es vermieden werden kann, da Leid als etwas genuin Schlechtes betrachtet wird.
    Genau genommen ist Letzteres jedoch keine rein geistige Überzeugung, sondern ein Instinkt. Der Widerwillen, der bei der Beobachtung, wie einem anderen empfindungsfähigen Lebewesen Leid zugefügt wird, entsteht, ist die Empathie. Wie alle Instinkte, wird auch Empathie durch die Sozialisation in den gesellschaftlichen Rahmen eingepasst. Im Fall von Empathie für andere Tiere ist die gesellschaftliche Dominante der Speziesismus. Diese Einpassung bedeutet, dass gelernt wird, die instinktive Empathie bei nichtmenschlichen Tieren zu unterdrücken.

    Die Gehirnscans zeigen eine höhere Aktivität bei Veganern (Quelle: siehe Fußnote 2)
    Italienische Forscher haben nun nachgewiesen, dass bei Rassisten der Instinkt der Empathie unterdrückt wird.1 Was Sozialpsychologen bereits vermutet haben – dass Rassismus mit einem Mangel an Einfühlungsvermögen einhergeht – wurde durch die Studie neuropsychologisch belegt. Während Menschen normalerweise automatisch mitleiden, wenn sie sehen, wie einem anderen Menschen Leid zugefügt wird, unterbleibt diese Reaktion (wie durch Messung und Vergleich der Hirnaktivitäten und von Muskelreaktionen festgestellt wurde), wenn die leidende Person die "falsche" Hautfarbe hat. Der Forschungsleiter sagt dazu: "Die automatische Muskelreaktion zeigt menschliche Anteilnahme am Leiden Fremder, zumindest solange sie nicht mit vorurteilsbehafteten Stereotypen belegt sind."

    Was für Rassismus gilt, gilt (mutatis mutandis) auch für andere Diskriminierungs­formen, in diesem Fall den Speziesismus. Wenig überraschend hat so auch eine neue Studie mit neurologischen Untersuchungen bestätigt, dass die Gehirnregionen für Empathie bei Veganern beim Anblick auch von tierlichem Leiden stärker aktiviert werden als bei Omnivoren.2 Die Schlussfolgerung ist simpel: Menschen, die nicht (mehr) mit den vorurteilhaften Stereotypen gegenüber (nichtmenschlichen) Tieren behaftet sind, zeigen ihnen gegenüber wieder eher das ursprüngliche Maß an Empathie.

    Ursprünglich deshalb, weil Kinder die Fähigkeit zu vorurteilsloser Empathie noch besitzen. Sie empfinden sie auch beim Anblick von Leid, das nichtmenschlichen Tieren zugefügt wird, weil sie das speziesistische Vorurteil, nichtmenschliche Tiere seien weniger wert als Menschen und könnten daher fraglos anders behandelt werden, noch nicht übernommen haben. Oder wie Freud es in Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse formulierte:
    Das Kind empfindet keinen Unterschied zwischen dem eigenen Wesen und dem des Tieres; es läßt die Tiere ohne Verwunderung im Märchen denken und sprechen; es verschiebt einen Angstaffekt, der dem menschlichen Vater gilt, auf den Hund oder auf das Pferd, ohne damit eine Herabsetzung des Vaters zu beabsichtigen. Erst wenn es erwachsen ist, wird es sich dem Tiere soweit entfremdet haben, daß es den Menschen mit dem Namen des Tieres beschimpfen kann. Seine späteren Erwerbungen vermochten es nicht, die Zeugnisse der Gleichwertigkeit zu verwischen, die in seinem Körperbau wie in seinen seelischen Anlagen gegeben sind.3

    Todeskandidaten
    Vermittelte Aussage: Tiere gehören hinter Gitter
    Was Freud hier noch (vielleicht ganz ohne Absicht) im Aktivsatz formulierte – das Kind entfremdet sich – ist tatsächlich die Einwirkung von außen, die der Sozialisation. Massive Indoktrination wird nicht nur von der Tierausbeutungs­industrie betrieben und vom Staat durch "Schulmilchprogramme" gefördert. In den Lehrplänen der Schulen sieht es entsprechend aus: Kinder lernen, dass Kühe Milch "geben", und lernen nicht, was mit den Kälbern, für die diese Milch gedacht ist, geschieht. Auch die Eltern handeln oftmals nicht anders, nicht zuletzt um ihr eigenes Weltbild nicht zu stören. Die Eigeninitiative von Kindern und Jugendlichen eine vegane Lebensweise anzunehmen, wird vorzugsweise durch die Ammenmärchen drohender Mangelerscheinungen be- oder verhindert.

    Auf der Alltagsebene wirkt sich die Distanz zum "Produktionsprozess" von Tierprodukten zuungunsten der Tierausbeutung aus. Tier"farmen" und Schlachthäuser liegen weit außerhalb der Städte und die Tierleichen werden bis zur Unkenntlichkeit zerstückelt und sauber in Folie eingepackt. Dadurch fehlt die "Sensibilisierung für das Tier als Nutzobjekt" und die Verbraucher reagieren auf "Tierschutz-Skandale" mit kurzzeitigem Nachfragerückgang. Kurzzeitig - bis die speziesistische Normalität wieder hergestellt ist.

    Während das Töten der Tiere früher noch präsenter war, "fehlt" heute zunehmend die Abstumpfung gegenüber Gewalttaten gegen Tiere. Die rhetorische Frage "Du kommst aus der Stadt oder?" als Antwort auf geäußerte Kritik an Tierausbeutung, hätte in Bezug auf Rassismus vor ein paar Hundert Jahren in den USA ihre Entsprechung in der Frage "Du kommst aus den Nordstaaten oder?" gehabt. Die natürliche Empathie lässt sich nicht so einfach abschalten, sie muss aufwändig unterdrückt werden. Die Schlachthofsmauern können jedoch nicht mehr höher gebaut werden und so ist die zunehmende Medialisierung und dadurch schnellere und bessere Verbreitung von Informationen, der Anfang vom Ende der Tierausbeutungindustrie.


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    1 Alessio Avenanti et al.: Racial Bias Reduces Empathic Sensorimotor Resonance with Other-Race Pain, in: Current Biology 20 (2010), Nr. 11.
    2 Filippi M, Riccitelli G, Falini A, Di Salle F, Vuilleumier P, et al. (2010) The Brain Functional Networks Associated to Human and Animal Suffering Differ among Omnivores, Vegetarians and Vegans. PLoS ONE 5(5): e10847.
    3 Sigmund Freud: Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse, in: Gesammelte Werke, Bd. XI, 3. Aufl., Frankfurt/M. 1966, S. 7f.


  • Ideologische Wissenschaft - damals und heute
    Die Welt ist voller Unwissenheit. Was Veganismus anbelangt, befinden wir uns im finstersten Mittelalter, in dem die Menschen sich fürchten, vom Rand der Welt zu fallen, obwohl schon viele Jahrhunderte zuvor der Radius des Globus mit erstaunlicher Genauigkeit erfaßt wurde. Der von der Kirche geschürten Angst vor Hexerei entspricht der von der Agrar- und Nahrungsmittelindustrie genährte Aberglaube an magische Stoffe in tierlichen Produkten, ohne deren Präsenz der Fluch angeblicher Mangelerscheinungen heraufbeschworen wird.1

    Diese Unwissenheit abzubauen, hat sich bisher nur die American Dietetic Association (ADA) bemüht, die 2003 und 2009 durch die Auswertung einer Vielzahl an Studien die vegane Ernährung als für jedes Lebensalter geeignet bezeichnete. Der Rest der Ernährungswissenschaft fürchtet immer noch, am Rand hinabzufallen, wenn sie das Offensichtliche bestätigen müsste. Nicht selten stimmt auch die Presse in dieses Konzert ein, indem sie für den Veganismus positive Ergebnisse aus Studien solange verdrehen, bis sie negativ aussehen. Das muss mit keiner Verfälschung einher gehen – das Positive zu marginaliseren und das Negative herauszustellen erzielt bereits den gewünschten Eindruck.

    Fachzeit­schrift für Ernährungs­wissenschaft
    Das Wissen um die Kugelgestalt der Erde, das seit der Antike bekannt war, war auch im Mittelalter nicht verschwunden, sondern wurde aus machtpolitischen Gründen unterdrückt. Nicht viel anders sieht es mit dem Verhältnis von Ernährungswissenschaft und Veganismus aus, denn bereits 1967 wurde ein durchweg positiver und am Ende proveganer Artikel veröffentlicht. "Ernährungszustand bei Veganern und Vegetariern" von F. R. Ellis und Pamela Mumford2 ist eine eigene Studie und zugleich eine Auswertung bisheriger Studien. Die Fragestellung lautete hier, wieweit diese beiden Ernährungsformen3 eine adäquate Nährstoffversorgung gewährleisten können. Die Definition von Veganer schloss übrigens auch damals, wie hier wörtlich erwähnt wird, schon die Vermeidung von tierkohleraffiniertem Zucker mit ein, genauso wie Margarine mit einem Vitaminzusatz, der unvegan ist ("white sugar clarified with bone charcoal, or margarine fortified with vitamin A from animal sources").

    Die Auswertung von drei früheren Studien, die zwischen 1954 und 1967 erhoben worden waren, sowie die eigene Studie, habe erwiesen, so die Autoren, dass "vegane Ernährung, die unbehandelte Getreideprodukte, Hülsenfrüchte, Nüsse, Gemüse und Früchte umfasst, keine erkennbaren Mangelerscheinungen hervorruft" und lediglich Vitamin B12 supplementiert werden sollte. Es wäre erwiesen, dass "die durchschnittliche Nährstoffaufnahme die empfohlenen Tagesdosen erfüllt". Bei der Nährstoffanalyse der Studien (zwischen Veganern, Vegetariern und Omnivoren) waren die Werte für Eisen und Thiamin (Vitamin B1) bei Veganern zudem höher als bei Omnivoren. Und auch wenn die Protein-Aufnahme geringer war, konsumierten Veganer "einen angemessenen Anteil verwendbaren Proteins".4 Beim Vitamin B12 lautete das Ergebnis der eigenen Studie, dass die Veganer keinerlei Anzeichen für einen Mangel zeigten (wobei die Autoren vermuten, dass angereicherte Produkte konsumiert wurden).
    Abschließend stellten sie fest:
    Aus unserer Studie mit Veganern zeigt sich eindeutig, dass diese Ernährung einen befriedigenden Nährwert für Erwachsene garantiert, vorausgesetzt, es wird Vitamin B12 supplementiert, wenngleich es interessant wäre, eine weitere Studie mit veganen Kindern und Jugendlichen durchzuführen. Miller (1963) hat nämlich gezeigt, dass es möglich ist, mit ausschließlich pflanzlichen Bestandteilen Säuglingsnahrung mit NApCal 8%[5] herzustellen, die damit die Anforderungen [an Säuglingsnahrung] erfüllt.
    Die Berücksichtigung dieser Ergebnisse ist für das Welternährungsproblem[6] relevant, da weit höhere Nährstoff-Erträge pro Flächeneinheit durch Gemüsekulturen erzeugt werden als durch Tierhaltung (Tabelle 3) und die Erträge pro Arbeitsstunde folgen einem ähnlichen Schema.
    Miller & Mumford (1966) fanden heraus, dass die günstigste Nahrung, um die täglichen Dosen von drei oder mehr 'Schlüssel'-Nährstoffen (Kalorien, Protein, Kalzium, Eisen, Vitamin A und Vitamin C) bereitzustellen, Mehl, Brot, Haferflocken, Kartoffeln, Bohnen, Möhren, Kohl, Spinat und Wasserkresse sind.

    Das bedeutet auch, bereits vor knapp 50 Jahren wurde festgestellt, dass auch vegane Säuglings- bzw. Kinderernährung höchstwahrscheinlich kein Problem darstellt. Dennoch gibt es noch im Jahr 2010 Ärzte, die von veganer Kinderernährung abraten. Das geschieht meistens durch solche Personen, die nicht einmal wissen, was Veganismus überhaupt ist und am liebsten auch keine einzige Studie durchgeführt oder sich vorhandene angesehen haben. Das hält sie schließlich nicht davon ab, ablehnende Pauschalurteile zu fällen.

    Gesunde vegane Kinder – laut manchen Ernährungs­wissen­schaftlern eigentlich nicht existent.
    So wie trotz der Kenntnis der Kugelgestalt der Erde im Mittelalter die Fehlinformation der Scheibengestalt aus politischen Gründen verbreitet wurde, ist die heutige Ernährungs­wissenschaft nicht weniger politisch. Während sehr vielen Menschen bekannt ist, dass Veganer eine niedrige Vitamin-B12-Aufnahme haben könnten (und bei nicht wenigen Menschen ist das das einzige, was sie über Veganismus wissen), ist praktisch unbekannt, dass Veganer grundsätzlich gute Werte bei einem anderen Vitamin, der Folsäure oder Vitamin B9, haben, obwohl die Durchschnitts­bevölkerung viel zu wenig Folsäure aufnimmt.7 Dennoch gibt es etliche Studien zum B12-Status bei Veganern, aber kaum Studien zum B9-Status. Nicht zuletzt deshalb, da man hier gezwungen wäre, etwas Positives über Veganismus zu sagen. Ähnlich unbekannt ist die gute Eisenversorgung (wie die o.g. Studienauswertung zeigte, war das schon vor knapp 50 Jahren bekannt), dennoch wird von der schlechteren Eisenversorgung der Vegetarier unhinterfragt auf Veganer geschlossen.
    Diese gezielte Nicht- und Fehlinformationen dienen der Aufrechterhaltung des Dogmas des ungesunden Veganismus. Solange das besteht, haben die Unveganer immer eine gute Ausrede zur Hand, sich nicht mit der ethischen Dimension ihres Verhaltens auseinandersetzen zu müssen. Dass in einer speziesistischen Gesellschaft die Ernährungs­wissenschaft (bis auf Ausnahmen) einen entscheidenden Teil zu dieser Aufrecht­erhaltung beiträgt, versteht sich.

    Aus der Geschichte zu lernen ist ratsam, um gleiche Fehler nicht zu wiederholen. Manche der heutigen Ernährungs­wissenschaftler sind die Kleriker der Gegenwart, die Fakten ignorieren, die seit langer Zeit bekannt sind. Veganismus darf nicht möglich und gesund sein, da das die eigene Ideologie beeinträchtigen würde. Es bleibt zu hoffen, dass es neben den obigen Autoren und der ADA mehr werden, die solchen Kräften entgegensteuern und sich nicht scheuen, das etablierte Weltbild zu verändern.

    __________
    1 http://veganismus.de/intro.html [27.04.2010].
    2 "The nutritional status of vegans and vegetarians", in: Proceedings of the Nutrition Society 26 (1967), S. 197-205.
    3 Wobei Veganismus genau genommen natürlich keine Ernährungsform, sondern ein Lebensstil ist
    4 Im englischsprachigen Raum ist der Protein-Mythos (Veganer hätten irgendwelche Versorgungsprobleme bei Proteinen) wesentlich stärker verbreitet als im deutschsprachigen.
    5 Das ist eine Angabe für Proteinqualität. Der hier genannt Wert entspricht dem menschlicher Muttermilch.
    6 Erst ab dieser Zeit stieg die Weltbevölkerung exponential an (die Zahl von vier Milliarden wurde "erst" 1980 erreicht). Gleichzeitig gab es erst seit knapp zwanzig Jahren "Massentierhaltung" im heutigen Sinne. Bis heute ist es bekanntlich nicht besser geworden, immer mehr pflanzliche Nahrung wird in der Tierausbeutungsindustrie verschwendet, während der Welthunger zunimmt.
    7 http://www.bfr.bund.de/cd/8899#a8906 [27.04.2010].


  • Töten für den Artenschutz - Die Perfidie und Pseudologik der Öko-Tierausbeutung
    Todeskandidaten
    Bisherige Ausbeutungs"rasse"
    Der Begriff Biodiversität ist seit Kopenhagen zu einer größeren Bekanntheit gekommen und wird diese im laufenden Jahr noch steigern. Biodiversität ist grob gesagt der wissenschaftliche Begriff für Artenvielfalt sowie Vielfalt der Ökosysteme. In die Medien gelangt er zur Zeit durch das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV), das unter der Schirmherrschaft von Ministerin Aigner steht, die sich im letzten Jahr vor allem durch primitive Milchpropaganda ausgezeichnet hat. Dort werden im Jahr 2010, das das "Internationale Jahr der Biologischen Vielfalt" ist, verschiedene Aktionen unter dem Motto "Biologische Vielfalt – Schutz durch Nutzung" durchgeführt.

    Dies läuft dort genauer gesagt unter dem Begriff "Agrobiodiversität", womit "alle Komponenten der biologischen Vielfalt" bezeichnet werden, "die für Ernährung und Landwirtschaft sowie das Funktionieren der Agrarökosysteme von Bedeutung sind". Da wir uns alle ernähren müssen, klingt das auf den ersten Blick nicht weiter negativ, jedoch fallen in unserer unveganen Gesellschaft unter die Rubrik "Ernährung" bekanntermaßen auch die nichtmenschlichen Tiere, an deren Ausbeutung eine große Industrie und die Bequemlichkeit der Menschen interessiert sind - zwei starke Faktoren, die den Veganismus und dessen Folgen (bessere Gesundheit, mehr Ressourcen, enorme Reduzierung der Umweltbelastung durch Landwirtschaft) indirekt abwehren oder direkt bekämpfen.
    "Schutz durch Nutzung" heißt beim Landwirtschaftsministerium auf "gefährdete Nutztierrassen" bezogen also: je mehr Individuen dieser Arten für den menschlichen Konsum eingesperrt und umgebracht werden, um so besser ergeht es der Art. Statt einem "normalen Hausschwein" sollen in Zukunft "Bunten Bentheimer Schweinen" im Schlachthof die Kehle durchgeschnitten werden, und schon ist der Artenschutz perfekt.

    Töten für den Artenschutz ist nicht neu – in Neuseeland heißt es bei Artenschützern "nur eine tote Katze, ist eine gute Katze"1 -, die Implikationen liegen hier jedoch auf einer ganz anderen Ebene. Nachdem in den letzten Jahren, im letzten nochmals verstärkt, festgestellt und auch in den Medien verbreitet wurde, daß der Unveganismus enorme ökologische Schäden verursacht, sehen die neusten Entwicklungen nach Gegenpropaganda aus. Jeder Unveganer war und ist als (zur Zeit unpopulärer) "Klimasünder" gebrandmarkt. Aigner und ihr Ministerium sind bereits zu Alibi-Eingeständnissen gezwungen und empfehlen "weniger Fleisch" aus Umweltgründen. In Zukunft bietet das Konzept der "Agrobiodiversität" den Verbrauchern jedoch die Möglichkeit, einfach die "Nutztierrasse" zu wechseln, um sich als "Artenschützer" (und über ein paar Umwege auch als Umweltschützer) zu etikettieren und damit ihren Unveganismus in der Umweltdiskussion zu rehabilitieren. So heißt es beim Ministerium:2
    Biologische Vielfalt in der Landwirtschaft ist auch nötig, damit die Ernährungs-, Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft sich an verändernde Umweltbedingungen wie dem Klimawandel oder neue Ansprüche von Verbrauchern an landwirtschaftliche Produkte anpassen können.

    Töten gegen den Klimawandel, und die Welt ist gerettet. Da die Tierausbeutung bisher einen hohen Anteil am Treibhauseffekt hat (und in Zukunft haben wird), werden, um sie zu erhalten, vermeintliche Lösungen entwickelt, die z.B. den Methanausstoß bei Kühen um kaum 15% reduzieren, aber zum "Greenwashing"3 der Tierausbeutungs­industrie ausreichen.

    Es wundert wenig, daß auch angebliche Umweltorganisationen wie Greenpeace auf diesen Zug aufspringen. War Otto Normalverbraucher als Unveganer bisher nur als "Klimasünder" gebrandmarkt, ist jeder Umweltschützer, der nicht vegan lebt, deutlich gesprochen ein elender Heuchler. Da man hier etwas schneller als die Politik denkt, wurde von Greenpeace bereits vor einigen Jahren die "Arche Warder" gegründet, wo die "Schutz durch Nutzung"-Ideologie Programm ist.
    Die Arche Warder [...] ist Europas größter Tierpark für seltene und vom Aussterben bedrohte Haus- und Nutztierrassen. [...] Die Arche Warder kämpft für die Erhaltung dieser gefährdeten Rassen. Durch Zucht sollen die wertvollen, alten Rassen erhalten werden, die Bestände vergrößert und damit ein Beitrag für die Landwirtschaft geleistet werden.

    So heißt es auf dem offiziellen Internetauftritt.4 Wird jedoch nachgefragt, eröffnet sich erst die ganze Breite dieses Rechtfertigungsversuchs für ihren Unveganismus.
    Die Arche ist davon überzeugt, dass man den Tieren wieder einen Marktwert verschaffen muss, wenn man sie erhalten will. Umso mehr die Verbraucher Fleisch von alten Nutztierrassen nachfragen, umso mehr werden sie wieder gezüchtet. Das Risiko des Aussterbens einer Rasse wird dann wieder geringer.
    So widersprüchlich es auch klingen mag: jeder, der z.B. ein Kotelett vom Bunten Bentheimer Schwein verzehrt, trägt aktiv zur Erhaltung dieser gefährdeten Rasse bei.

    Tierausbeutungsopfer
    Die "Rasse" ändert sich, die Methode bleibt
    Da wird sich das Schwein aber freuen, daß seine "Art" erhalten wird. Nein, Moment, es wird sich nicht freuen. Zum einen, weil es vielleicht gerade im Schlachthaus an der Kette hängt und mit Sterben beschäftigt ist, und zum anderen, weil ihm sein Leben wichtig ist und nicht ein abstraktes und absurdes Konzept von der Quantität genetischer Informationen. Dieses abstrakte Konzept zu schützen (was auf herkömmlichen Artenschutz zum größten Teil und auf "Nutztierartenschutz" zu 100% zutrifft), ist zutiefst speziesistisch. Geschützt wird hierbei das, was für die Menschen nützlich, d.h. ausbeutbar ist (ob wirtschaftlich oder ästhetisch-ideologisch), nicht das, was der Natur tatsächlich hilft. Ethisch entscheidend sind jedoch nur Individualrechte, egal wie gefährdet die Art ist.


    Nicht nur diese Abartigkeit machen den neusten Versuch, Tiermord als "Schutz" zu verkaufen, unglaubwürdig. Auch ein kurzes Nachdenken darüber, ob diese Methode für den wirklichen Artenschutz (der der Stabilität der Ökosysteme dient) nützlich ist, läßt diese Propaganda schlecht aussehen. Nimmt man das Schwein als Beispiel, sind alle im Zuge des Domestizierung gezüchteten Arten (alle außer den echten Wildschweinen) unnatürlich. Es sind Züchtungen, mit denen bestmögliche Nutzbarkeit (d.h. Ausbeutbarkeit) erreicht werden sollte und soll (mit anderen Worten: Qualzüchtungen, da die widernatürlichen Veränderungen wie die extrem schnelle Gewichtszunahme gesundheitliche Schäden bedingen). Ein Problem (angeblich gefährdete Arten) erst zu erzeugen und dann seine Ursache als Lösung zu verkaufen, ist primitive Pseudologik. Tatsächlich hätte ein Aussterben aller "Nutztierrassen" auf das wirkliche Ökosystem nicht die geringsten negativen Folgen, es wäre im Gegenteil die Wiederherstellung des natürlichen Zustandes (in dem neue Arten nur durch Evolution, nicht durch Züchtung entstehen).

    Der beste Schutz für das Ökosystem ist – damit schließt sich der Kreis – Veganismus. Es kann nur geschützt werden, wenn nicht 60% bis 80% der landwirtschaftlichen Fläche an den "Futtermittelanbau" für die Tierausbeutungs­industrie verschwendet wird, von Umweltverschmutzung durch Abfälle (u.a. Tonnen über Tonnen Gülle) und der Methanerzeugung ganz zu schweigen. Alle Greenwashing-Versuche sind zum Scheitern verurteilt, denn eine ökologische Tierausbeutungs­industrie kann es nicht geben, während Veganismus als Alternative so einfach ist. Und von der Umwelt abgesehen, ist Veganismus schlichtweg eine ethische Notwendigkeit.

    "Schutz durch Nutzung" bei empfindungsfähigen Lebewesen anzuwenden ist, gelinde gesagt, perfide. Hoffen wir, daß das Familienministerium nicht auf die gleiche Idee kommt (denn Kinderarbeit wieder zu legalisieren, würde der Geburtenrate sicher gut tun).


    __________
    1 Katzen sind in Neuseeland keine einheimischen Tiere und da sie angeblich die einheimische Kleintierwelt bedrohen, wollen die extremeren Artenschützer die Katzen auszurotten.
    2 bmelv.de/SharedDocs/Standardartikel/Landwirtschaft/Klima-und-Umwelt/BioVielfalt/JahrDerBiologischenVielfalt2010.html?nn=309768
    3 bezeichnet die Methode, Unternehmen (hier: der Tierausbeutungs­industrie i.A.) durch minimale Veränderungen ihrer umweltschädlichen Produktion, die effektiv kaum oder unwirksam sind, den Anschein von Umweltfreundlichkeit und/oder -unbedenklichkeit zu geben.
    4 arche-warder.de


  • Tomaten werfen und Tomaten essen
    Gemüse-Eintopf
    Gemüse-Eintopf ist Protest
    „Wir versuchen größtenteils vegan, also ohne Fleisch und Milchprodukten zu kochen, damit es jeder essen kann“
    (Salzburger Nachrichten, 30.10.09)

    Im Flur gibt es Couscous und Linsen, rein vegan natürlich.
    (LVZ-Online, 27.11.09)

    einer Ecke im Erdgeschoss haben die Besetzer eine provisorische Küche eingerichtet, wo mittags und abends gekocht wird, und zwar ausschließlich vegan.
    (Badische Zeitung, 24.11.09)

    Zu den Artisten sind natürlich auch die Kochkünstler zu zählen, die schon ab der ersten Nacht die hungernden Besetzer mit köstlichen veganen Gerichten oder Crepes vom „autonomen Crepes-Stand“ versorgen.
    (fudder, 18.11.09)

    Die vegane Volxküche des Hörsaals ist noch warm
    (nachrichten.at, 09.11.09)

    Ob Wien, Leipzig, Freiburg oder Linz, fast überall gibt es Studentenproteste und fast überall wird vegan gekocht. Und das ist kein Einzelfall. Auch bei anderen Zusammenhängen - von Protestveranstaltungen wie den G8-Gipfel-Demos, über politische Kongresse wie den Bundeskongressen der Grünen Jugend bis hin zu lokalen Volxküchen - ist die Essensversorgung vegan.

    Sicher liegt es zum Teil daran, daß auf alle Teilnehmer Rücksicht genommen werden soll und veganes Essen dabei der kleinste gemeinsame Nenner ist, aber dennoch machen die Veganer nur einen kleinen Teil der Teilnehmer aus und diese Rücksichtnahme ist somit nicht selbstverständlich. Die Ursache kann woanders vermutet werden. Es ist nicht nur Rücksichtnahme allein, sondern auch das Bewußtsein, daß Veganismus eine Frage der Konsequenz sozialer Proteste überhaupt ist. Wenn man gegen Unrecht demonstriert, kann man nicht glaubwürdig bleiben, wenn man dem Unrecht milliardenfachen Massenmords an Tieren durch die "Nahrungsmittel"-Industrie gleichgültig gegenübersteht. Veganismus ist nicht "nur" eine Ernährung (schon deshalb nicht, weil es den ganzen Lebensstil betrifft), "nur" eine Verweigerung (und erst recht kein "Verzicht") oder die Umsetzung der persönlichen Konsequenz, sondern es ist auch eine Protesthaltung an sich, ein gelebter Widerstand gegen tagtäglich millionenfaches Unrecht an Tieren, die nicht für sich selbst sprechen können. Jede vegane Handlung, wie es schon eine einzelne, betont veganen Mahlzeit ist, steht als Symbol dafür, wie man es besser machen kann: indem man seine Ernährung nicht auf das problemlos vermeidbare Leid und den unnötigen Tod der Tiere begründet. Es ist das Haar in der Suppe jedes Eßtischtäters, der meint, weil sich "alle" unvegan ernähren würden, müsse er sich nicht dafür rechtfertigen.

    Daß der Veganismus durch solche - wenn auch kleine - Bemerkungen in Zeitungsartikeln über die Studentenproteste Beachtung findet, ist erfreulich zu sehen. Gerade aufgrund des positiv konnotierten Zusammenhangs, der in sonstigen Artikeln, in denen Veganismus erwähnt wird, selten zu finden ist - hier gibt es nämlich keine dümmlichen Kommentare über angeblichen Nährstoffmangel oder andere Unwahrheiten. Veganes Essen wird nicht als "ungesund" oder schlecht schmeckend diffamiert, sondern als ein akzeptierter Standard unter Menschen, die über den eigenen Tellerrand hinaussehen, dargestellt. Und das ist die richtige Richtung auf dem Weg zu dem, was der Veganismus einmal werden soll: eine Selbstverständlichkeit.

  • Ethik mißt sich nicht in CO2
    Rinder
    "Biorinder" sind klimaschädlicher als "normale" - laßt uns "normale" Rinder ausbeuten
    Veganismus, das steht seit der Definition des Begriffes durch seinen Erfinder Donald Watson im Jahr 1944 fest, ist die persön­liche Konse­quenz der ethischen Einstellung, jegliche Tieraus­beutung abzulehnen. Mehr als sechzig Jahre später haben es (wenig über­raschend) hauptsächlich Unveganer geschafft, Veganismus auf die Ernährung zu reduzieren und als Mode­erscheinung oder eben als "umwelt­schützende Ernährungs­weise" zu diskreditieren.

    "Umwelt-" oder "Klima-Veganismus" ist nicht nur kein Veganismus, da es auch Bereiche der Tierausbeutung gibt, die keine nennens­werte Schädlichkeit für die Umwelt haben (oder haben könnten) - wie "Honig" oder Tierversuche -, sondern er ist auch argumentativ unsinnig und kontraproduktiv. Alles, was keine ethische Motivation erzeugt, geht nicht nur am Kern des Veganismus (und damit an ihm selbst) vorbei, sondern provoziert auch "Lösungen", die auf der Ebene der Ethik (die dabei umgangen wird) genauso verwerflich sind, wie der Zustand zuvor. "Klima-Veganismus" und seine Verwendung als primäres Argument erzeugt keinen Veganismus, sondern eben nur "Lösungen" wie die Reduzierung der durch "Tierhaltung" verursachten Klimaschäden mittels veränderter Nahrung, "Züchtung" oder sonstigen Absonder­lichkeiten, die das Klima-Argument bedienen, aber nicht den Veganismus. Denn dieser ist (in allererster Linie) praktizierte Ethik: Auch Tiere, die CO2 verbrauchen und Sauerstoff erzeugen würden, hätten immer noch ein Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit und sie auszubeuten und umzubringen wäre genauso ethisch verwerflich und damit unvegan wie zuvor.

    Einen kleinen Gipfel dieses argumentativen Unsinns erreichte der Vegetarierbund Deutschland, der zum diesjährigen Weltvegantag unter dem Slogan "Veganer dürfen Porsche fahren" die Medien bediente, dem Veganismus aber keineswegs geholfen hat.

    Die ethische Implikation, die eine solche Argumentation erzeugt, ist nicht minder schädlich als das eigentliche Fehlen von Ethik dabei: Durch Unveganismus sterben (wenn man die statistisch nicht erfaßten ermordeten Fische schätzungsweise hinzuzählt) jährlich rund 100 Milliarden Tiere aufgrund der Bequemlichkeit der Menschen, Tierprodukte nicht durch Alternativen ersetzen zu wollen. Hierbei mit der Klimaschädlichkeit zu argumentieren, marginalisiert den Massenmord und stellt die Menge der freige­setzten Gase als wichtiger als die Leben der Individuen dar. Was in jedem anderen Bereich undenkbar wäre - hat jemand den Völkermord in Ruanda verurteilt, weil die Leichen klimaschädliche Gase freisetzten? - ist beim Thema Veganismus dank der Un- und Pseudoveganer bereits völlig normal.

    Veganismus ist die klimafreundlichste Ernährungsweise und wird es mit der größten Wahrscheinlichkeit immer bleiben (schon aufgrund der simplen biologischen Tatsache, daß Tiere immer ein Vielfaches an Pflanzen konsumieren müssen, um Tierprodukte zu erzeugen). Wer jedoch weiterhin glaubt, die Klimafreundlichkeit als primäres (statt sekundäres) Argument benutzen zu müssen, wird mit genauso großer Wahrscheinlichkeit eine "klimafreundlichere" Tierausbeutung erreichen und nicht mehr. Veganismus hingegen ist ein ethischer Imperativ und nur das kann und muß das Ziel der Verbreitung der veganen Idee sein.

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